Foto: Chris van der Burght

Die Krise einer Epoche

Was fehlt beim TT 2017? Alain Platel und Les ballets C de la B mit der Mahler-Choreografie «nicht schlafen»

Theater heute

«nicht schlafen» ist wieder vom 30. Mai bis 03. Juni im Theatre La Monnaie in Brüssel zu sehen https://www.lamonnaie.be/en/program/23-nicht-schlafen

 

Psychopathologie, die den Körpern eingeschrieben wird. Gefühlte Schwäche produziert anmaßende, ihrer selbst nicht sichere Stärke. «nicht schlafen» wurde inspiriert von Philipp Bloms «Der taumelnde Kontinent» sowie der Musik Gustav Mahlers, des spätromantischen Krisen-Diagnostikers aus der Klimazone Sigmund Freuds. In der kulturgeschichtlichen Betrachtung der Belle Epoque vor dem Ersten Weltkrieg zeigt Blom, wie Psychoanalyse, Industrialisierung, Technik und Wissenschaft, Emanzipation und die Künste das Experiment Moderne kreieren.

Deren Provokationen, Skeptizismen und Formauflösungen führen zur Verunsicherung und daraus resultierenden Hybris konservativer Kräfte, die wiederum in Aggression, Männlichkeitsgebaren, Militarismus und Imperialismus umschlagen.

Wir könnten das heutzutage ähnlich bewerten angesichts der planvollen Paranoia des Populismus. Alain Platel und sein spirituelles, empathisches Körpertanztheater aus Gent lässt auch die aktuelle Folgerung zu. Elemente aus acht Mahler-Symphonien werden eingespielt bzw. in Soundscapes zitiert und gemixt. Eine weitere symbolische Setzung sind Berlinde de Bruyckeres Skulpturen. Auf einer Holzpalette liegen vor zerschlissenem Vorhang drei präparierte tote Pferde wie Schlachtopfer auf einem Altar. Sie bezeugen das Ende des «kentaurischen Pakts» (Ulrich Raulff) zwischen Ross und Reiter, Herrn und geknechtetem Tier. Das zermarterte Pferd ist von Picasso («Guernica») bis Spielberg («Gefährten») Symbol des Leidens.

Platel und seine brillante Compagnie entwickeln eine auf die Musik assoziativ reagierende, befreiend ungebundene Szenenfolge. Atemberaubend, wie genau in der nicht linear narrativen Choreografie eines kontrollierten Ausnahmezustands Tanz und Musik korrespondieren. Die Versehrtheit der Kreatur und Abweichung von der Norm gestalten sich in gruppendynamischen Prozessen von extremer Psychomotorik. Der Mensch trägt an der Rolle des Außenseiters. Gewalt erschafft Kriegskörper.

Kuhglocken läuten ein Pastorale-Idyll ein, das bald übergeht in Balgen, Zerren, Krallen, Sich-Verklammern: Mann gegen Mann oder gegen Frau. Sie zerreißen sich gegenseitig die Kleider und ringen sich nieder. Auf die Tortur folgt das wehmütig-schöne Adagietto der 5. Symphonie. Die Gruppe hebt die Hand wie Thomas Manns Tadzio, um ins «Verheißungsvoll-Ungeheure» zu weisen, bevor die gleitenden Bewegungen verkanten, konfrontativ rüde werden, Gesten des Sich-Ergebens andeuten oder den Moment vor dem Erschießungskommando. Leiber zucken im Drill. Im Gegenzug heben Berührungen und Vereinigungen wie auf einer Skizze von Egon Schiele den brutalen Zugriff auf. Das Wien der frühen radikalen Moderne bleibt präsent.

Der verstörende Kontrast aus Friedfertigkeit, Siegesstolz, Glücksharmonie, meditativer Stimmung, psychischer Deformation und dumpfem Drohen mündet in den furiosen Kampfruf von Mahlers Zweiter: Der sich windende Tänzer David Le Borgne wird erlegt und gehäutet. Währenddessen bewahrt die Tonspur den letzten Atem der Natur in einer Partitur der Tiergeräusche. Intensiver lässt sich die Krise einer Epoche und das Bedürfnis nach Erlösung nicht ausdrücken – in diesem (Wahl-)Jahr mehr noch als zum Datum der Uraufführung im September 2016. Erbarmen ist ein zentraler Begriff für Alain Platel. Er scheint durch dieses Passionsspiel hindurch.


Theater heute Mai 2017
Rubrik: Theatertreffen 2017, Seite 12
von Andreas Wilink

Weitere Beiträge
Glückliche Tage in Philippsburg

Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren. Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau untreu, werde aber jedesmal...

Querfronten, Zaubergesten und rasende Rituale

Auch nach hundert Jahren läuft Tschechows dramatische Familienlimousine «Drei Schwestern» noch einwandfrei auf vielen Bühnen. Trotzdem zeigt Simon Stone, dass es nicht schadet, das Dialogmaterial generalzuüber­holen oder auch gleich gänzlich auszutauschen – bei gleichzeitiger Erhaltung der Karosserie. So kommt es auf der Bühne des Basler Theaters zu kleinen Verschiebungen – aus dem Haus...

Vorschau

Wenn sich Herbert Fritsch Grimms Märchen vornimmt, dann lodert die schwarze Bürgerseele in hellen Wahnsinnsflammen: «Grimmige Märchen» in Zürich.

Ein Stückabdruck nach 93 Jahren: Ödön von Horváths «Niemand», unlängst uraufgeführt in Wien und nachgespielt in Berlin.

Manchmal plant die Redaktion etwas, doch das Leben plant eigenwilligerweise anders. Aber im Juni führt kein Weg mehr an...