«Die Hoffnung stirbt zuletzt»

Manfred Stoffl, Leiter des Bereichs Theater im Goethe-Institut, zu den geplanten Kürzungen

Theater heute

Theater heute Der Kabinettshaushaltsenwurf der nächsten zwei Jahre für das Goethe-Institut beinhaltet Kürzungen von 26 Millionen Euro im Vergleich zu 2021, das sind ungefähr 10 Prozent des Etats. Was bedeutet das? 
Manfred Stoffl Auch wenn ich nur für den Bereich Theater spreche, muss man das in größerem Kontext betrachten: Alle Bereiche im Inwie Ausland sind davon betroffen. Kurzfristig können wir nur bei den Programmen kürzen, was übrigens schon im laufenden Jahr der Fall war.

Im Prinzip heißt das: weniger Koproduktionen, weniger Residenzen, weniger Hospitanzen, weniger internationaler Austausch. An den einzelnen Instituten mögen das nur einzelne Projekte sein, aber in der Summe wird man es deutlich merken, vor allem, wenn sich die Kürzungen fortsetzen. 

TH Was bedeutet das für den Theaterbereich?
Stoffl Zum Beispiel werden wir die Fortbildung der Kolleg:innen aus dem Ausland beim Berliner Theatertreffen nächstes Jahr aussetzen. Unser Gastspieltopf schrumpft zwar nicht direkt, ist aber mehr nachgefragt und also auch stärker umkämpft bei höheren Kosten. Bei unseren Hos -pitationsprogrammen, innerhalb derer wir aus anderen Ländern Leute an Theater in Deutschland holen, werden wir Teilnehmer:innen reduzieren müssen. Und bisher haben wir jährlich 45 bis 50 deutschsprachige Theaterstücke in andere Sprachen übersetzt. Nächstes Jahr können wir maximal noch 30 übersetzen. 

TH Die Goethe-Institutspräsidentin Carola Lenz hat gesagt: «Was wir absagen können, sagen wir ab.» Was kann man denn überhaupt kurzfristig absagen – Gastspiele und Residenzen sind ja in der Regel mit Vorläufen geplant? 
Stoffl Tatsächlich mussten zahlreiche bereits vereinbarte Projekte abgesagt werden. In meinem alten Residenzhaus in Salvador de Bahia, Brasilien, wurden beispielsweise Residenzen gestrichen, obwohl sie teilweise schon zwei Jahre lang zugesagt waren. Diese in Deutschland lebenden Künstler:innen werden nicht nach Bahia reisen, obwohl sie sich dafür Zeit reserviert und mit Stipendien gerechnet haben. Vom immateriellen Verlust ganz zu schweigen, denn die langfristigen Kontakte und Austauschprojekte, die wir mit den Residenzen schaffen, fallen ja auch weg. 

TH Dazu nochmal Frau Lenz: «Wenn wir un - sere Partner ein paar Jahre vergessen, gehen sie entweder woanders hin, oder sie verschwinden von der Szene.»
Stoffl Als Kulturmittler werden wir für Partner uninteressanter, wenn wir uns nicht oder in nur sehr geringem Maße auch finanziell beteiligen. Natürlich können wir immer noch Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und Kontakte verknüpfen. Aber letztendlich braucht man zum Produzieren von Kunst und zum Herstellen von Austausch zwischen Menschen Geld. Und wenn dieser Austausch etwa durch Koproduktionen nicht mehr bei uns in dieser Intensität zu finden ist, geht auch das Interesse an Deutschland verloren. Weil in vielen Ländern die Förderstrukturen für die freien Künste – oft auch aus politischen Gründen – kaum entwickelt sind, kann das auch eine echte Schwächung der Situation der Künstler:innen und freier Diskursräume in unseren Gastländern bedeuten. 

TH Wird auch über strukturelle Eingriffe nachgedacht? 
Stoffl Ja, angesichts der Höhe der geplanten Kürzungen würde es auch notwendig werden, Strukturen zu reduzieren und Goethe-Institute zu schließen. Das würde bedeuten, dass teilweise kulturelle Hotspots und auch physische Orte, an denen sich z.B. die Transcommunity, die Schwarzen Frauen treffen können, mit denen der Kontakt und Austausch sehr bewusst gesucht wurde, einfach von der Bildfläche verschwänden. 

TH Das heißt, Safe Spaces gingen verloren ... 
Stoffl Einerseits das, aber auch Arbeitsmöglich - keiten. Wir hatten etwa 20 Resident:innen pro Jahr in Salvador, auch im Theaterbereich. Diese internationale Ausrichtung konnte dort nur das Goethe-Institut noch leisten, sonst niemand – und das ist in vielen Städten weltweit so. 

TH Wie viele Goethe-Institute müsste man schließen, um 26 Millionen Euro einzusparen?
Stoffl Sollten sich die Kürzungen für 2023 und gegebenenfalls sogar in den Jahren danach verstetigen, werden wir langfristig wirksame Einschnitte vornehmen müssen. An verschiedenen Orten würde man unterschiedlich viel einsparen – ein Verlust wäre es aber auf jeden Fall. Aufgrund der vielen internationalen Krisen bräuchten wir aber doch gerade jetzt ja eigentlich mehr Dialog. Gleichzeitig haben wir enorme Kostensteigerungen, bei Reisen, bei Energie – und eigentlich möchten wir zukünftig unsere Tätigkeit nachhaltiger und inklusiver gestalten. Dazu müssten wir deutlich mehr Geld in die Hand nehmen. 

TH Außenministerin Annalena Baerbock hat eine feministische Außenpolitk angekündigt. Widersprechen die Kürzungen nicht vehement gerade diesem Anliegen? 
Stoffl Die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik und jeder von uns stehen, sind groß. Gleichzeitig denke ich: Angesichts der vielen sich überlappenden transnationalen Krisen sind Kürzungen doch per se ein Widerspruch. Viele Goethe-Institute legen gerade in diesen Zeiten einen besonderen Fokus auf Personen, die Schutz und Empowerment brauchen. Diese Anlaufstellen könnten künftig tatsächlich wegfallen. 

TH Gibt es denn die Hoffnung, dass der Kabinettsentwurf noch abgemildert wird? 
Stoffl Die Haushaltsverhandlungen laufen noch bis in den November, und unsere Hausleitung steht in sehr engem Austausch mit dem Auswärtigen Amt. Und wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille


Theater heute 11 2022
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille

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