Die ganz normale Katastrophe

Kathrin Röggla berauscht mit den Worthülsen des «worst case», Thomas Freyer stürzt Geschwisterpaare ins Familiendesaster, und Elfriede Jelinek lauscht den Boten des Massakers von Rechnitz

Theater heute - Logo

Ja, es ist verrückt, wie schnell alles Vergangenheit wird», meint der «Finanzexperte» in der Radio-Talkrunde, bei der man schon langenicht mehr weiß, ob es um den jüngsten Jahrhundertsturm oder die letzte Jahrtausendflut geht, ob gerade ein pazifischer Wirbelsturm die Südstaaten umpflügt, ein osteuropäisches Atomkraftwerk die nächstgelegene Millionenstadt grillt oder eine winterliche Bundesautobahn 48 Stunden lang eingefroren ist. Die Moderatorensätze sind längst austauschbar geworden und die Hörer­beiträge nicht minder.


 

Das große Katastrophenrauschen hat seine eingespielten Rituale entwickelt. Sie fangen bei den Krisenstäben an, schalten sich von den Evakuierungsplänen zu aufgeregt ahnungslosen Vor-Ort-Korrespondenten und den unverzicht­baren Experten, die etwas Fachwissen ins Feuer gießen, und kommt spätestens nach der übernächsten Schaltpause bei der zerknirschten Medien-Selbstkritik an, zu der ein unbekannter Kulturwissenschaftler auch noch Wesentliches beisteuert. Zurück zur Technikerin im Studio: «Ja, am Ende steht doch immer irgendwo ein Grüppchen Angehöriger herum und konserviert Erinnerungen, die doch niemand brauchen kann.»
 

Kathrin Röggla greift in «worst case» (der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2009
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ach Kinder!

Denn erstens schaut der entstandene Film dem Stadttheater in schönen, blaustichigen Bildern bei der Probenarbeit zu. Er folgt der Autorin zu ihren Gesprächen und der Regisseurin nach Hause ins Wohnimmer, lässt Schauspieler ihr Handwerk zeigen, mitreden und privat zu Wort kommen, dokumentiert Krisen zwischen Regie und zweifelndem Ensemble. Zweitens entsteht wie...

Terrormatriarchat

Amerikanische Dramatiker lieben es, wenn sie beim Schreiben dreckige Hände kriegen. Mit Hingabe buddeln sie tief, um epische Groß- und Kleinfamilien durch den Morast ihrer Beziehungsgeschichten zu schicken, lassen die Leichen im Keller lange Schatten werfen und weiden Lebenslügen bis zur Katastrophe aus. Zur Liga von Tennessee Williams, Eugene O’Neill, Arthur...

Schuss und Gegenschüsse

Fressen oder Fliegen» lauteten die recht prosaischen Handlungsoptionen, unter denen sich, im gesamten HAU-Komplex verteilt, Theater und Bildende Kunst annäherten – installativ, performativ und vor allem gesprächsbereit. Neben den alten HAU-Bekannten Rimini Protokoll, Jérôme Bel und Tim Etchells waren auch Bildende Künstler wie der Fotograf Thomas Demand oder die...