Die Empfängerin
Die Gier nach Leben, die Gier nach Liebe, Selbstzerstörung, sich einer Welt des Sanften und des Gewaltvollen auszusetzen, der Wärme und der Kälte – Sarah Kanes «Gier» umkreist in vielen Stimmen eine Leerstelle: das Ich. In Christopher Rüpings Zürcher Inszenierung repräsentiert die Projektion von Wiebke Mollenhauers Gesicht diese Leerstelle und verschiebt sie auf die Bühne.
Ohne ein Wort zu sprechen, aber ganz und gar durchlässig geht Mollenhauer mit Sarah Kanes Text mit, er spiegelt sich in ihren Reaktionen, in Andeutungen von einem Zweifel, in einem halben Lächeln, einem Erschrecken in den Augen. Er prallt von ihr ab und geht durch sie hindurch, verletzt sie, lässt sie ungläubig staunen, weckt ihre Abwehr, ihr Gelächter. Am Ende verlässt sie den Raum und geht aus dem Theater hinaus, durchs Zürcher Seefeldquartier, ins Wasser: Der Abend endet mit einem vieldeutigen Bad im See. Als wir uns Ende Juni für dieses Gespräch treffen, in einem Café am Unterlauf der Limmat, lockt das schönste Badewetter. Bei den Proben im Februar und der ersten Aufführungsserie im März muss sich das Wasser allerdings anders angefühlt haben – wie war das denn mit dem Bad im eisigen See?
Wiebke Mollenhauer I ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 106
von Andreas Klaeui
In ihrem berühmten Essay «Anmerkungen zu Camp» schreibt Susan Sontag 1964, dass die wesentlichen Merkmale von «Camp» die Liebe zur Künstlichkeit, zum Artifiziellen und zur Übertreibung sind. «Camp» ist für Susan Sontag das Gefühl für eine bestimmte Ästhetik, etwas, das mit «kitschig» oder «affektiert» nur unzureichend zu übersetzen ist. Für Sontag ist «Camp» der...
Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten...
Es geht um viele erste Male in Leonie Lorena Wyss’ Stück «Blaupause»: die erste Menstruation. Die erste Zigarette. Die erste Masturbation. Das erste Mal in einem Film sehen, wie sich zwei Frauen küssen, und das erste Mal die Farbe Blau entdecken. Und fast ganz am Ende, da geht es darum, das erste Mal laut einen Satz auszusprechen: «Ich habe eine Freundin.» Bis zu...
