Die Dialektik der islamischen Welt

Kaum jemand beschreibt die Widersprüche kultureller Identitäten so analytisch wie der amerikanisch-pakistanische Autor Ayad Akhtar in seinen Theaterstücken. Ein Gespräch über Politik und Kultur in den USA und die Falle, in der die muslimische Welt gefangen ist.

Theater heute

Franz Wille Ayad Akhtar, Ihre Stücke und Ihr Roman «American Dervish» – die Coming-of-Age-Geschichte eines wohlbehüteten pakistanischstämmigen Jungen im Milwaukee der 1980er Jahre – kreisen um kulturelle Identität. In einem amerikanischen Fernsehinterview haben Sie sich als einen «kulturellen Muslim» bezeichnet. Was ist das?
Ayad Akhtar Viele meiner jüdischen Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin, haben immer gesagt: «Wir sind kulturelle Juden.

» Ich wusste erst auch nicht, was das bedeutet, aber es meint, dass sie eine bestimmte Weltsicht teilen, bestimmte Werte, die von ihrer jüdischen Lebenswelt geformt und gebildet worden sind. Es gab eine Beziehung zur Bibel, ob man nun daran geglaubt hat oder nicht. Und auch, wenn man nicht dran geglaubt hat, wusste man doch, woran man nicht geglaubt hat.
Es ging nicht um den Glauben als solchen, aber um eine Tradition, in der man steht.
FW Und das gilt als Muslim auch für Sie?
Ayad Akhtar Ja, das ist genau meine Beziehung zum Islam: Ich bin kein Gläubiger meines Glaubens, ich bin ein Leser meines Glaubens. Ich befrage ihn – und Schreiben habe ich übrigens gelernt von all diesen jü­dischen Schriftstellern wie Saul Bellow oder Chaim Potok, den ich mit 13 oder 14 verschlungen habe. Es ging immer um chassidische Juden in Brooklyn. Und ich dachte immer: Diese Leute kenne ich. Aber ich war ein muslimisches Kind in Milwaukee! Was ein bisschen die andere Seite des Mondes ist – komplett anders. Aber es waren alles Leute, Situationen, Konflikte, die ich wiedererkannt habe.
FW Sie sind in New York geboren, dann als Kind mit ihrer Familie nach Milwaukee gezogen und leben jetzt wieder in New York.
Ayad Akhtar Ich war vier Jahre alt, als wir umgezogen sind. Und bin dann nach dem College, nachdem ich in Italien bei Grotowski war und in Frankreich gelebt habe, mit 25 nach New York zurück; seitdem lebe ich da.
FW In Milwaukee als sunnitisch muslimisches Kind aufzuwachsen, muss etwas Besonderes gewesen sein.
Ayad Akhtar Allerdings. Es gab da nicht so viele Migranten. Es gab noch eine philippinische Familie, und später kam noch eine indische Familie dazu. Ich lernte keine Schwarzen kennen, bis ich in die Mittelschule kam; es war alles sehr weiß und protestantisch. Die Katholiken waren auch eine Minderheit. Aber es war auch eine Zeit, in der die Leute dort gar nicht wussten, was ein Muslim ist. Man hätte auch einfach sagen können, man kommt aus Jamaica oder Pakistan, niemand hätte nach der Religion gefragt. Die haben sich eher dafür interessiert, ob man Käse mag. Käse ist eine wichtige Sache in Milwaukee.
FW Und Sie haben nicht viel Alkohol getrunken als Schüler?
Ayad Akhtar (lacht) Die haben schon viel getrunken – und mein Vater auch! Ich hatte andere Erfahrungen, als die meisten Leute erwarten
würden. Der Glaube hat mich eher mit meinen Mitschülern verbunden – weil die ja auch alle religiös waren. Das waren zwar Protestanten und Katholiken, und sie haben immer von Gott geredet – aber ich wusste, wovon sie reden, weil ich mich damit auch auskannte. Das war eine seltsame Verbindung: Ich war zwar anders, aber ich wusste, wovon wir reden.
FW Sie waren kein Außenseiter.
Ayad Akhtar Ich war ein Außenseiter, und ich war keiner. Ich bin auch immer auf die Leute zugegangen und war viel mit meinen Freunden zusammen und habe deshalb auch nicht besonders danach gefragt, ob die anders sind als ich. Aber natürlich habe ich als Muslim oder als Pakistani sehr genau mitbekommen, dass das Leben in deren Familien ganz anders war als bei uns zuhause.
FW Ihre Familie kommt aus Pakistan.
Ayad Akhtar Ja, erste Generation. Meine Eltern sind in ihren späten Zwanzigern nach Amerika gekommen und hatten noch sehr zu kämpfen. Sie hatten Heimweh, und wir hatten den ganzen Sommer Familienbe­suche aus Pakistan – die Cousins, die Tanten, die Onkel – und sind regelmäßig nach Pakistan geflogen. Ich hatte die Erfahrung dieser beiden Welten, und das war eine Grunderfahrung: Leute leben in verschiedenen Welten. Da habe ich sehr früh verstanden: Es gibt keine universellen Lebensweisen.
FW Der Moderator in dem Fernsehinterview, von dem wir eingangs gesprochen haben, ein Schwarzer, war sehr erstaunt, dass Sie sich nicht als der «unterdrückte Andere» wahrnehmen.
Ayad Akhtar Ja, komisch, nicht? Ich erinnere mich an den Moment, und ich war völlig überrascht von seiner Reaktion. Er hat sogar eine Weile gebraucht, bis er es überhaupt verstanden hat. Für ihn ist die Herausforderung des Lebens, dass man von der Mehrheit akzeptiert wird. Ich habe das nie verstanden, weil mir meinen Weg nicht irgendjemand anderes verstellen kann. Mein Schreiben kommt aus der Begegnung mit der Wirklichkeit, ich brauche keine Erlaubnis dazu.
FW Was Sie jetzt beschreiben, ist das perfekte multikulturelle Zusammenleben. Man nimmt wahr, dass man anders ist, aber daraus entstehen zunächst einmal keine Probleme. Im Gegenteil: Man hat sogar einen vielleicht schärferen Blick auf das eigene wie auch das fremde Leben. Das klingt total positiv. Aber wenn ich jetzt Ihre Stücke lese, fangen die Probleme an. Die Figuren in Ihren Stücken haben jede Menge Schwierig­keiten mit ihren kulturellen Identitäten. In «The Who and the What» zerbricht eine Familie, weil Vater und Tochter andere Vorstellungen davon haben, wie man die Religion interpretieren sollte.
Ayad Akhtar Stimmt absolut. Ich erinnere mich noch genau an 9/11, und ich war gar nicht überrascht von dem, was passiert ist. Ich konnte gar nicht glauben, wie wenig überrascht ich war. Und ich erinnere mich immer noch, wie ich an dem Tag herumgegangen bin, als ob ich mein ganzes Leben auf so etwas gewartet hätte. Ich bin in einer Community aufgewachsen, die einerseits in Amerika lebt und andererseits Amerika gegenüber sehr kritisch ist. Und ich habe wahrscheinlich immer darauf gewartet, dass der Konflikt aufbricht. Weil ich den Konflikt jeden Tag erlebt habe.
FW Wie kann man sich das vorstellen?
Ayad Akhtar Oft hieß der Konflikt einfach: «Mom, stop it! Hör auf, so zu reden! Das sind meine Freunde!» Und manchmal sagte sie dann: «Ja, stimmt. Sie sind eben anders.» Es gab da keine festen Perspektiven. Ich habe permanent die Grenzen gewechselt. Ich war in Pakistan und habe plötzlich gemerkt, dass ich kein Pakistani bin. Wenn ich Urdu gesprochen habe, sind alle anderen Kinder aus dem Lachen gar nicht mehr raus­gekommen wegen meines amerikanischen Akzents. Sie wollten immer, dass ich weiterrede, weil es so komisch klang. Und zurück in Amerika habe ich gemerkt, ok, ich bin ein Amerikaner – und ich bin doch keiner. Aber das hat mich nicht gestört. Es gab keine Aggressionen oder so etwas gegen uns. Nach 9/11 hat sich das geändert. Aber davor hat die musli­mische Community einfach versucht, mit den Nachwirkungen des Ko­lonialismus und dem Aufstieg des Westens klarzukommen – und was das für die glorreiche islamische Geschichte bedeutet. Das war die große Obsession in der muslimischen Gemeinde, und ich habe das die ganze Zeit gehört. Manchmal fand ich das interessant, manchmal habe ich gedacht, mir reicht es jetzt damit. Hört endlich auf. Aber es war kein abgeschlossenes Kapitel.
FW Und nach 9/11?
Ayad Akhtar Die Widersprüche in der kulturellen Identität, die immer vorhanden waren, kamen raus. Wir waren ja wirklich glücklich, in Amerika zu sein, und unsere Widerstände dagegen waren gebändigt und gelindert durch den Wohlstand. Die latenten Konflikte brachen dann plötzlich auf. Und es stellte sich heraus, dass viele dieser Bruchlinien tatsächlich die Bruchlinien der Globalisierung waren. Da wurden uns erst Unter­schiede klar zwischen «uns» und «denen», zwischen denen, die wählen dürfen und nicht wählen dürfen, wer moralischem Führungsanspruch beanspruchen darf oder nicht. Für all diese Themen – wir sehen es jetzt bei Trump – sind die Erfahrungen der muslimischen Community im Westen wie der Kanarienvogel im Bergwerk: ein Frühwarnsystem. Ein gutes Beispiel ist mein Stück «Invisible Hand». Als ich vor fünf, sechs Jahren eine erste Fassung schrieb, ging es um ein Land wie Pakistan, in dem korrupte Regierungen und Verwaltungen so undurchdringlich geworden sind, dass der einzige Weg, vor Ort Dinge geregelt zu bekommen, lokale Gewalt ist. Vor fünf, sechs Jahren war das Pakistan, heute gilt das schon für Brasilien, vielleicht die Vereinigten Staaten.
FW Ist das die Erklärung für Trump?
Ayad Akhtar Eine davon. Im klassischen freudianischen Sinn ist Trump ein überbestimmtes Phänomen. Man kann es auf 400 verschiedene Arten beschreiben, und jede Beschreibung stimmt. Deshalb ist es ein ziemlich genaues Bild dafür, wo wir kulturell stehen. Wir haben uns von Bürgern zu Konsumenten verwandelt. Wir sind Kunden einer Wirklichkeit, die die Medien und Bildschirme entwerfen. Und Trump ist der Antiheld dieses absurden Zirkus, der aus der globalisierten Welt geworden ist. Haben Sie seine erste Pressekonferenz seit der Wahl gesehen? Unvorstellbar! Wenn das jemand in einem Drehbuch schreiben würde, würde man es nicht glauben. Die politische Ordnung hat die letzten 40 Jahren einen eigenen Code benutzt und die Leute angelogen – oder wie Habermas sagen würde, einen legislativen Diskurs entwickelt. Und dann tritt jemand auf, und er spricht aus, was diese Lügen verbergen sollten. Für diese Wahrheit haben ihn seine Wähler gewählt.
FW Konkret?
Ayad Akhtar Es geht nur darum, reich zu werden. Das verkörpert Trump, und er spricht es aus. Was die Leute in Amerika nicht wirklich verstehen, zumindest die gebildeten Leute, ist, dass die politische Geschichte der letzten 50 Jahre in den USA ein Kampf um die Interpretation des Konservatismus war. Dagegen gab es keine aussagekräftige Haltung der Linken. Es gibt auch keinen wirklichen Liberalismus. Die Entwicklung führte von Barry Goldwater zu Richard Nixon zu Ronald Reagan. Ich zitiere Reagan: «Vor allem bleibt dieses Land eine Nation, in der jeder reich werden kann.» Wenn das die zentrale konservative Aussage ist – ganz im Gegensatz zum traditionellen Verständnis von Konservatismus, nämlich der Frage, welche Werte wir bewahren sollen, während die tradi­tionelle Linke fragt, was wir verändern wollen –, dann war bereits das, was nach Reagan mit Bill Clinton kam, eine Bewegung nach rechts. Nämlich auch sehr entschieden: Wie ermöglichen wir die Entstehung von Reichtum?
FW Eine Bewegung in Richtung Wall Street.
Ayad Akhtar Eine Bewegung in Richtung einer konservativen Definition von Politik, die als oberstes Ziel nur Bereicherung kennt. Sogar die so­genannten Liberalen haben nur eine leicht andere Sicht als dieses konservative Projekt. Auch Obama bewegte sich im Zentrum dieser konservativen Ideologie. Es ging auch bei ihm um die Sicherung und Ermöglichung von Reichtum. Ich denke, Obama hat es trotzdem mit so viel Bewusstsein, Intelligenz und Mitgefühl betrieben wie möglich, aber er hat es nicht wirklich in Frage gestellt. Auch bei Obama ging es um eine Wirklichkeit, die sich im Wesentlichen um die Finanzen dreht.
FW Deshalb haben die Leute auch Hillary Clinton nicht wirklich gemocht?
Ayad Akhtar Ich glaube schon. Nicht nur. Ich habe das zuerst bei meiner Mutter beobachtet. Sie hat Hillary Clinton zutiefst verabscheut. Es war paradox: Einerseits hat sie Hillary erlebt mit einem Ehemann, der die Institution der Ehe nicht respektiert. Das hat sie an ihre eigene Schmach erinnert. Das wollte sie nicht sehen. Hillary Clinton steht außerdem für eine Frau, die trotz dieser Schmach an der Schwelle zur Präsidentschaft stand. Also dabei war, ihre Schmach zu überwinden. Aber das wollte meine Mutter auch nicht sehen. Sie wollte keine Frau sehen, die dasselbe erlitten hat wie sie, und sie wollte keine Frau sehen, die das einfach überwindet. Das erklärt für mich sehr viel über die Abneigung, die viele Frauen einer bestimmten Generation in Amerika gegen Hillary Clinton hegen. Sie wollen einfach, dass sie verschwindet und sie nicht länger daran erinnert, dass sie nicht das geschafft haben, was Hillary geschafft hat, und dass Hillary das erlitten hat, was sie selbst erlitten haben.
FW Hillary Clinton stand auch nicht gerade für Veränderung.
Ayad Akhtar Ja – und dann ist auch ein Teil Misogynie dabei. Außerdem, wenn man ihr zugehört hat, war es immer ein bisschen wie bei Al Gore: Man hatte nie ganz das Gefühl, dass sie einen wirklich ansprechen. Ich weiß auch nicht, warum wir das brauchen. Das führt jetzt vielleicht ein bisschen weg, aber ich erinnere mich noch an 1980, als Ronald Reagan in den Vorwahlen gegen George W. Bush antrat. Und ich erinnere mich noch an eine Debatte – da gab es einen Moment, in dem Bush mich bewegt hat. Und von da an durch die ganzen Vorwahlen war ich immer glücklich, wenn Bush im Fernsehen kam. Und wenn Ronald Reagan im Fernsehen kam, habe ich ihn nicht gemocht. Das habe ich nie vergessen, weil ich fürchte, dass viel von unseren politischen Entscheidungen – zumindest in den USA – auf genau der Ebene passieren: «Ich mag ihn, ich mag sie nicht.» Es sind fast infantile emotionale Entscheidungen: unbewusst, unmittelbar, unreflektiert. Und so bleibt es dann, warum auch immer. Man muss sich mal vorstellen: Donald Trump hat zehn beschissene Jahre in einer TV-Show gesessen und die Aura von Kompetenz verstrahlt, während er erwiesenermaßen unfähig war, was wir auch alle wissen. Fake it till you make ist. Aber was passiert, wenn du es dann machen darfst? Dann kannst du nur weiter faken. Und genau das macht er jetzt. Er hat der Kinderpsyche der amerikanischen Öffentlichkeit den Glauben an seine Managementfähigkeiten eingeimpft. Weil er Leute feuern kann. Damit hat er seine Pressekonferenz beendet. Lebt er in einer Folge von «The Apprentice»? Scheint so!
FW Wie gefährlich ist das?
Ayad Akhtar Die tiefere und wirklich sehr beunruhigende Sache ist sein völliger Mangel an Selbstkritik, so dass er das Wohl des Landes für sein persönliches Ansehen gefährden würde. Oder bekommt er das gar nicht mit? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er es nicht wahrnimmt. Trump ist wirklich ein Lehrbeispiel, wie tief und bestimmend unsere narzisstischen Triebe sein können. Das ist wirklich verstörend.
FW Nochmal zurück zu dem Pessimismus, der in allen Ihren Texten steckt. Immer wieder gibt es tiefsitzende kulturelle Prägungen, die plötzlich aufbrechen und für Konflikte und Katastrophen sorgen. Ob in «Geächtet» der perfekt integrierte pakistanische Staranwalt ausrastet und seine heimliche Freude über 9/11 preisgibt, oder ob in «The Who and the What» der Vater seine Tochter verstößt, weil sie sein Bild des Propheten angreift. Ist kulturelle Identität etwas, das so tief unter der Haut sitzt, dass man es nicht mehr herausbekommt?
Ayad Akhtar Ich glaube nicht, dass man es jemals aus der Haut bekommt.
FW Wenn dem so ist, dann rechtfertigt das natürlich auch kulturelle Vorurteile.
Ayad Akhtar Natürlich tut es das. Es wäre aber auch ziemlich unrealistisch zu verlangen, dass Menschen, die aus einer anderen Lebenswelt kommen, diese Prägungen ablegen sollten. Und wenn es eine Lösung gibt, dann liegt die erst einmal in der Anerkennung der Tatsache, dass diese Prägungen bleiben. Und wenn man im Westen eine Generation von Arbeitern hereinholt, damit sie einem den Dreck wegräumen, und man lässt sie hier Kinder bekommen, dann wird sich auch der Westen auf Veränderungen einstellen müssen.
FW Zweifellos. Und was bedeutet das konkret für westliche Gesellschaften?
Ayad Akhtar Große Frage – und ein großes Experiment. Können wir wirklich zusammenleben? Das Ergebnis steht noch lange nicht fest.
FW Amir Kapoor, der Anwalt aus «Geächtet», versucht sich ja zu assimilieren bis zur Selbstaufgabe. Er hat sogar seinen Namen geändert, damit er nicht mehr pakistanisch klingt.
Ayad Akhtar Ja, und das wird einen nie über die Zielgerade des Lebens führen.
FW Assimilation ist keine Lösung.
Ayad Akhtar Nicht seine Form von Assimilation. Er hat sich die äußerlichen Insignien des erfolgreichen Amerikaners zugelegt und sich gesagt: «Ich bin Amerikaner, wenn ich als Amerikaner durchgehe.» Ändere den Namen, trage die teuren Hemden, habe eine weiße Frau, spreche die Sprache besser als jeder andere. Und ich hasse die von da, wo ich herkomme, noch mehr als du! Ich bin mehr wie du als du selbst! Das basiert alles – genau wie der schwarze Fernsehmoderator denkt, den Sie erwähnt haben – auf der Akzeptanz durch die Mehrheit. Das ist kein erfülltes Leben.
FW In Deutschland führen wir eine Diskussion um die sogenannte Leitkultur. Vor allem die Rechte, aber das beginnt schon sehr in der Mitte, verlangt eine Anpassung an traditionelle deutsche Werte, was immer das dann genau sein mag. Das wäre das Modell Assimilation. Die andere Posi­tion sagt, dass man deutsch ist, wenn man einen deutschen Pass hat. Und die deutschen Passinhaber müssen die deutschen Werte dann eben untereinander aushandeln. Das wäre das Modell gemeinsamer Integration.
Ayad Akhtar Das sind wirklich schwierige Fragen. Die Deutschen sind ein mächtiges Volk heute und in der Geschichte. Im Guten wie im Schlechten. Hitler ist dafür genauso ein Beispiel wie Bach oder Kant. Die Deutschen teilen eine Geschichte – so schwierig und belastet wie bemerkenswert. Sie sind ein unglaublich robustes Volk auf der Bühne der Moderne. Deshalb gibt es auch dieses Gefühl einer kulturellen Identität. Und wenn jetzt Menschen dazukommen, die diese kulturelle Identität nicht zu teilen scheinen, sie auch nicht zu verstehen scheinen – was soll ihre Rolle in diesem Land dann sein? Nur als Frage – ich habe da keine Antworten. Wir wissen nicht, wie das deutsche Experiment ausgehen wird. Und viele werden sagen: Solange es funktioniert, warum soll man es reparieren? Wir sind schließlich eine industrielle Großmacht, wir sind eine Weltmacht – ok, manchmal machen wir sehr große Fehler, aber wir sind immer noch eine Führungsmacht. Ein wirklich guter Freund von mir, ebenfalls mit pakistanischen Eltern, meinte neulich über Amerika – und das muss man ernstnehmen: «Wir sind gerade hier angekommen, und wir sind immer noch Gäste. Wir wurden zwar hier geboren, aber unsere Eltern haben dieses Land nicht wirklich verstanden. Deren Eltern haben sich nicht für dieses Land geopfert, sondern für ein anderes. Selbst unsere Generation weiß noch nicht vollständig, wie das hier tickt. Wir sollten vielleicht einen Schritt zurücktreten. Und es uns erlauben zu lernen.» Das wäre eine aufgeklärte Position zwischen Assimilation und Integra­tion. Es ist ein Prozess, und der braucht Zeit. Nochmal: Es wird keine einfachen Antworten geben. Jede Seite hat an irgendeiner Stelle recht.
FW Wir werden es heute nicht klären, und es wird uns noch weiter beschäftigen. Aber nochmal zurück zu Ihnen. Als ich Ihren Lebenslauf gelesen habe, war ich sehr erstaunt, dass Sie in den frühen Neunzigern bei Jerzy Grotowski in Italien waren. Was haben Sie da gemacht?
Ayad Akhtar Das war 1993, als ich ein Jahr mit ihm in Italien gearbeitet habe. Er hat Schauspieler wirklich auf den Mount Everest geführt, wenn es darum geht, sich vor Publikum in höheren Bewusstseinsebenen einzu­richten. Es war die Phase von «Art is vehicle», in der es um das Leben als ungeteilte psychospirituelle Existenz ging, die keine Widerstände zwischen Impuls und Ausdruck mehr kennt: eine vollständige Körper-Geist-Integration aller psychophysischen Mechanismen. Er glaubte, das sei wertvoll nicht nur für Schauspieler, sondern überhaupt für alle Menschen, und wollte dafür eine Technik entwickeln: eine Schule des Seins. Das waren 16-Stunden-Tage mit sehr intensiven körperlichen und stimmlichen Trainings, die wirklich erstaunliche Effekte hatten. Ich weiß noch, wie eine Gruppe von uns im November in Livorno in der Adria schwimmen ging – es war schrecklich kalt, und plötzlich bekam ich das Gefühl, mein Körper entwickelt so viel Wärme, dass sich das Wasser um mich herum aufheizt. Später habe ich herausgefunden, dass das ähnlich wie eine tibetische Meditationstechnik funktioniert.
FW Klingt ein bisschen esoterisch.
Ayad Akhtar Die Idee dahinter ist, dass unsere psychophysischen Fähig­keiten durch unsere Art von Zivilisation eingeschränkt werden. Peter Sellars hat das mal sehr gut beschrieben: Ihm scheint, dass unsere Moderne die menschliche Erfahrung auf sehr schmale Mittelwerte reduziert. Die Höhen und Tiefen werden rausgefiltert. Wir werden aus diesen Bereichen herausbenommen. Und Grotowski wollte auf seine Weise das ganze Spektrum wiederherstellen. Das haben wir jedenfalls versucht.
FW Wie sind Sie in Milwaukee überhaupt auf Grotowski gekommen?
Ayad Akhtar Ich habe auf dem College über ihn gelesen und Louis Malles Film «My dinner with Andre» gesehen – Andre Gregory geht zu Grotows­ki, arbeitet mit ihm im Wald und hat diese tollen Erlebnisse –, das hat mich fasziniert. Grotowski ist vor allem hochinteressant mit seinem Konzept von Authentizität und dem Weg, wie man dahinkommt. Er hat damit eine ganze Generation von Theaterleuten geprägt. Mich hat damals vor allem die Frage beschäftigt, was im Leben eigentlich wichtig ist. Worum geht es im Leben und in der Kunst? Es kann ja nicht nur darum gehen, dass mich die Leute auf der Bühne bewundern. Es muss doch mit der Bedeutung gelebten Lebens zusammenhängen. Und mir kam es so vor, als stellte Grotowski diese Fragen auf der Ebene seiner Technik.
FW Na gut, Sie hätten aber auch Philosophie studieren können.
Ayad Akhtar Aber das geht nicht durch den Körper! Philosophie ist toll, aber Philosophie erlaubt eine gesicherte Distanz zur Wirklichkeit. Und das bedeutet ein hierarchisches Verhältnis zur Wirklichkeit. Die Wahrheit kann aber nicht hierarchisch sein. Der Beweis muss im Tun liegen, nicht in der Reflektion über das Tun. Aber der Kern war schon eine philosophi­sche Frage, nur musste die für mich vom Körper beantwortet werden, nicht von der Theorie. Das gilt im Kern auch fürs Theater: verkörperter Geist, an dem alle teilhaben können.
FW Nicht besprochene Ideen, sondern verkörperte Ideen.
Ayad Akhtar Genau! Das war auch die griechische Tragödie.
FW Nochmal zurück: Was verstehen Sie unter Authentizität?
Ayad Akhtar Der englische Kinderpsychologe D.W. Winnicott war der erste, der zwischen falschem und authentischem Selbst unterschieden hat. R.D. Laing mit seinem geteilten Selbst hat in den Sechzigern darauf aufgebaut. Nach Winnicott kommen wir auf die Welt mit allen unseren noch unentwickelten Möglichkeiten, und wir wissen, was wir brauchen: Wann wir Hunger haben, wann wir laufen wollen. Wenn man dem Kind erlaubt, seinen eigenen Erfahrungen zu vertrauen, wird es seiner «authentischen» Entwicklung folgen. Die Probleme fangen an, wenn das Kind die Ängste seiner Hauptbezugsperson bemerkt. Dann folgt es nicht mehr seiner Entwicklung, sondern den Erwartungen dieser Bezugs­person. Und das führt ins falsche Selbst. Winnicott schreibt viel über das falsche Selbst und fast nichts über das authentische. Der Teig weiß nichts vom Brötchen. Aber er schreibt zum Beispiel, dass Authentizität im Leben des Körpers ist und dass wir durch Spiele und Aggressionen Zugang zu unserer Authentizität haben.
FW Wie passt denn so ein Konzept von innerer Authentizität in ein Denken, das von kulturellen Prägungen weiß und davon, dass diese Prägungen unhintergehbar sind? Wie passt denn ein Grotowski-Schüler zu jemand, dessen Stücke sich um kulturelle Identitäten drehen? Und der Stücke schreibt, in denen die Figuren ihren kulturellen Prägungen – oder ihrer Authentizität – nicht entkommen können?
Ayad Akhtar In «Geächtet» schreibe ich über eine Figur, die nichts damit zu tun haben will, was sie ist, und sich gerade deshalb nicht entfliehen kann. Ich glaube nicht, dass ich sage: Man wird den Frauenschläger nie aus dem Muslim herausbekommen. Viele Leute lesen es zwar so. Aber das ist deren Problem, nicht meins. Amir lehnt sich unbewusst politisch gegen das Symbol seiner Unterwerfung auf. Während er seine Frau besitzt, aber eigentlich von ihr besessen wird – immerhin ein akzeptierter gesellschaftlicher Status –, merkt er, dass er von genau der Person betrogen worden ist, der zu unterwerfen er sich erlaubt hat. Als er das bemerkt, brechen die Dämme aller seiner Lügen, die er sich selbst darüber erzählt hat, wer er ist. Das ist eine sehr menschliche Situation, die in diesem Stück politisch wird. Amir kann in dieser Umgebung nicht einfach menschlich sein, sondern er muss Muslim sein. Und das weiße Publikum beobachtet wie Emily die Darstellung eines Muslim, der kein Muslim ist. Und das Stück endet damit, dass dieser Muslim, der kein Muslim ist, mit dem Bild dieses Muslim, der kein Muslim ist, konfrontiert wird, das sich die weiße Figur – das Publikum! – von ihm gemacht hat. Das ist die Dialektik daran. Für Amir gibt es keinen Weg zu so etwas wie Authentizität mehr, er ist davon abgeschnitten. Macht das Sinn?
FW Absolut.
Ayad Akhtar Das ist der dialektische Zirkel, in dem die muslimische Welt gefangen ist. Sie ist beständig von der Frage besessen, was der Westen über sie denkt. Und wenn wir diese dumme Frage nicht hinter uns lassen, werden wir nicht wissen, wer wir sind. Solange werden wir immer nur sagen: Wir sind aber nicht, was ihr von uns behauptet. Solange sitzen wir in der Falle. Meine Haltung dazu ist: Ok, dann sind wir eben alles, was der Westen von uns behauptet. Und jetzt gehen wir weiter!


Theater heute März 2017
Rubrik: Das Gespräch, Seite 4
von Franz Wille

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