Das Sein zur Mode
Das Schreiben, meinte Elfriede Jelinek vor über zehn Jahren einmal, nachdem sie den Literaturnobelpreis erhalten hatte, das Schreiben sei für sie Überleben. Sie werfe sich, indem sie schreibe, aus sich heraus: «Denn wenn ich mir meiner Identität bewusst werde, bin ich tot.» Das klingt ein wenig dramatisch und kunstlebensmäßig pompös, ist aber – wie fast alles, was Elfriede Jelinek so schreibt – ziemlich sachlich gemeint.
Als eingefleischte Heidegger-Leserin weiß sie, dass Menschen keine «Identität» haben, sondern eine Lebensgeschichte, in deren Verlauf sie sich höchstens – und oft vergeblich – um ein konsistentes Selbstbild bemühen können. Wenn die Lebensgeschichte mit all ihren Entwicklungen, Veränderungen und Brüchen – Heidegger, der es vom katholischen Theologen zum antisemitischen Nazihetzer zum Schwarzwaldorakel gebracht hat, ist ein gutes Beispiel –, wenn dieses Leben einmal vorbei ist, dann ist man eben: tot.
Menschliche Identität kann schon deshalb nicht klappen, weil sich der Körper über seine 50, 60, 70 oder mehr Jahre dauernd verändert, in der Regel nicht zu seinem Vorteil. Und das Selbstbild, wenn es denn vom Selbst überhaupt zugelassen oder zustandegebracht wird, ist ...
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Theater heute März 2017
Rubrik: Neue Stücke, Seite 30
von Franz Wille
Den Tod hat Ernst M. Binder schon als junger Mann aus nächster Nähe kennengelernt. Er war 21, als seine erste Ehefrau Marianne vom Balkon fiel. Vor dem Todessturz hatten die beiden noch Leonard Cohens düsteres Album «Songs of Love and Hate» gehört, dann war sie plötzlich weg. Nach dem Unglück adoptierte Binder den Namen seiner toten Frau – das M. steht für Marianne...
Der Galgen ist ein Turngerät. Am dicken Strick, der an ihm hängt, lässt es sich wunderbar durch die Lüfte schaukeln. Am allerbesten versteht sich in dieser Inszenierung der «Komödie der Irrungen» der Kerkermeister darauf. Er ist in Gestalt von Merlin Sandmeyer ein spaßiger Gevatter Tod, ein stöckchendünner Zappelphilipp der Unterwelt, ein akrobatischer Komödiant...
Manche Einsichten kommen leider (zu) spät. «Ich möchte mich entschuldigen», wendet sich eine zottelige Kreatur am Ende der «10 Gebote» ans Publikum des Deutschen Theaters Berlin und gesteht kleinlaut «Fehlleistungen, Hybris, Hochmut und Großmannsträumereien» ein. Dass es sich bei diesem flauschigen Kollegen mit dem leibhaftigen Schaf im Schlepptau um Gott...
