Das Sein zur Mode
Das Schreiben, meinte Elfriede Jelinek vor über zehn Jahren einmal, nachdem sie den Literaturnobelpreis erhalten hatte, das Schreiben sei für sie Überleben. Sie werfe sich, indem sie schreibe, aus sich heraus: «Denn wenn ich mir meiner Identität bewusst werde, bin ich tot.» Das klingt ein wenig dramatisch und kunstlebensmäßig pompös, ist aber – wie fast alles, was Elfriede Jelinek so schreibt – ziemlich sachlich gemeint.
Als eingefleischte Heidegger-Leserin weiß sie, dass Menschen keine «Identität» haben, sondern eine Lebensgeschichte, in deren Verlauf sie sich höchstens – und oft vergeblich – um ein konsistentes Selbstbild bemühen können. Wenn die Lebensgeschichte mit all ihren Entwicklungen, Veränderungen und Brüchen – Heidegger, der es vom katholischen Theologen zum antisemitischen Nazihetzer zum Schwarzwaldorakel gebracht hat, ist ein gutes Beispiel –, wenn dieses Leben einmal vorbei ist, dann ist man eben: tot.
Menschliche Identität kann schon deshalb nicht klappen, weil sich der Körper über seine 50, 60, 70 oder mehr Jahre dauernd verändert, in der Regel nicht zu seinem Vorteil. Und das Selbstbild, wenn es denn vom Selbst überhaupt zugelassen oder zustandegebracht wird, ist ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2017
Rubrik: Neue Stücke, Seite 30
von Franz Wille
«Was es bald nicht mehr gibt: Dass man am Morgen nach einem wichtigen Ereignis zum Kiosk geht und zehn Zeitungen kauft», prophezeien die Schauspieler in Guy Krnetas Recherchestück «In Formation» in der Box des Zürcher Schiffbaus. Oder: «Dass alle das Gleiche gelesen haben, in der gleichen Zeitung, und alle überzeugt sind, vom Gleichen zu reden.» Kurzum: Man hat...
Jetzt seid Ihr schon vier Frauen in der Jury und schafft es nicht, mehr als eine Regisseurin zum Theatertreffen zu bringen?» So in etwa lautete die absolut nachvollziehbare, männlicherseits nicht ganz hämefreie Kritik nach der Bekanntgabe der diesjährigen Auswahl. In der Tat hatte sich die weibliche Mehrheit in den vergangenen Monaten mit wachsendem Unbehagen über...
Gut drei Dutzend Eimer Kunstblut versickern jeden Abend im Gitterrostboden, dazu vier Akteure in wechselnden Figurenkonstellationen, eine Konfetti-Kanone und immerhin mehr als die Hälfte vom Originaltext «Hamlet» – so macht sich Christopher Rüping, der junge Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, über Shakespeares Prinzen her und entdeckt dabei im notorischen...
