Die Brezelfrage

Die Frauenquote beim Berliner Theatertreffen fällt vorerst. Mission erfüllt?

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Es geht um die Brezel! Für Christine Wahl, aktuelles Mitglied der Berliner Theatertreffen-Jury, scheint die Regel, «dass von den 10 eingeladenen bemerkenswertesten Aufführungen mindestens die Hälfte von Frauen inszeniert sein muss, zum Festival zu gehören wie die obligatorische Laugenbrezel zum Foyer». Die Frauenquote also. Sie wurde 2019 für zunächst drei Jahre eingeführt und sollte danach jedes Jahr überprüft, also entweder verlängert oder abgeschafft werden. Nun ist sie laut Juryentscheid für die nächsten zwei Jahre gefallen.

Mission accomplished?

Einiges spricht dafür. Im Jahr 2019 wurden nur 28 Prozent der deutschsprachigen Inszenierungen von Frauen verantwortet, inzwischen sind es nach einer Erhebung von 2023/24 schon 43 Prozent. Ob das Theatertreffen daran großen Anteil hat, steht in den Sternen. Sicher ist, dass in den letzten sieben Jahren über 35 Inszenierungen von Regisseurinnen das begehrte Label bekommen haben, zu den bemerkenswertesten der Saison zu gehören. Geschadet hat das vermutlich nicht. Außerdem hat die Frauenquote, die ich in drei dieser Jury-Jahre mit erfüllen durfte, zweifellos dazu geführt, dass die TT-Juror: -innen sich mehr nach Inszenierungen von Regisseurinnen umgesehen haben als ohne Quote – etwas benachteiligend für die damals noch über 70 Prozent Männer der Regiekunstschöpfung, aber bei regelmäßig zwischen 600 und 700 gesichteten Inszenierungen fielen die Herren am Regietisch auch nicht völlig unter denselben. Besonders gut sichtbar, wenn einer der ihren – Sebastian Hartmann – wie in diesem Jahr trotz Quote gleich doppelt vertreten sein durfte.

Ernster wiegt der Vorwurf, die Frauenquote würde Binarität zementieren und damit «der gesellschaftlichen Realität hinterherhinken», so Wahl. «Sollen nonbinäre Regieführende auf der männlichen oder der weiblichen Liste eingeordnet werden?», fragt sie nach den «konkreten Einordnungsschwierigkeiten». Diese Brezelfrage ist allerdings ganz einfach zu beantworten, denn in der Jurysatzung stand glasklar, dass mindestens fünf der zehn ausgewählten Inszenierungen von Frauen sein mussten. Nicht gendereindeutige Kollektive oder Personen landeten also auf der Männerseite. Zweifellos eine frauenfreundliche Ungerechtigkeit, die deshalb aber noch lange nicht Binarität zementiert, sondern nur ca. 50 Prozent des immer noch strukturell unterrepräsentierten Be -völkerungsanteils zumindest hier angemessene Sichtbarkeit verschafft hat.

Im Rahmen der Quote
Aber jetzt zur Reinheit des Kunsturteils. Wer Quoten nutze, schreibt Wahl, «führe … nolens volens ein außerästhetisches Kriterium ein, das die an der Kunst ablesbaren Phänomene von vornherein ein Stück weit verschiebt». Sie habe schon einige Male die «Erfahrung gemacht, dass Quoten das ästhetische Urteil der Theaterkritik verändern». Schwere Bedenken also – Eingriffe ins Allerheiligste von uns Kritiker:innen, ins ästhetische Urteil. In dieselbe Richtung zielt Wahls neuer Jury-Kollege Jakob Hayner in der «Welt», der durch die Quote ebenfalls eine Korrumpierung der künstlerischen Jury-Maßstäbe befürchtet, weil sie «nicht mehr nur nach dem ästhetisch Bemerkenswerten sucht, …, sondern auch die Quotenregel erfüllen muss. Nur welche Regel schlägt welche?»

Allerdings sind die Sorgen von Christine Wahl und Jakob Hayner völlig unbegründet. Tatsächlich hat die Quote genau das verhindert, was beide befürchten: Denn die Quote ist eine objektive Spielregel, die das ästhetische Urteil nicht verbiegt, sondern dessen Rahmen setzt. Wenn die Quote wie bisher fordert, fünf weibliche Regiearbeiten auszuwäh -len, dann wählt die Jury unter den weiblich Gesichteten – streng ästhetisch! – eben die fünf bemerkenswertesten aus. Und aus den männlich plus gendergemischt plus nonbinären Gesichteten dann eben genauso streng ästhetisch deren fünf bemerkenswerteste.

Genau genommen bestand die Liste der «bemerkenswertesten Inszenierungen» deshalb in den letzten sieben Jahren aus zwei Listen: den weiblich Bemerkenswertesten und den anderen Bemerkenswertesten. Ästhetisch verbiegen musste sich deswegen niemand. Präzise kommuniziert hat diese faktische Zweiteilung allerdings auch niemand. Verständlicherweise, denn der sagenhafte Ruf des Theatertreffens beruht auf dem Donnerhall seiner einschränkungslosen Ankündigung der «10 bemerkenswertesten Inszenierungen». Erkennbare ästhetische Qualitätsunterschiede zwischen beiden Listen sind allerdings in sieben Jahren niemand aufgefallen. Ergab im Endeffekt also doch wieder den Anschein einer Liste.

Besser eine klare Quote als unklare Erwartungen. In den nächsten Jahren wird man wieder genauer nachzählen: Sind denn auch genügend weiblich verantwortete Inszenierungen dabei? Und wie viele aus Ostdeutschland? Und die Freie Szene? Und die Schweiz? Und Österreich? Nichts aus NRW? Erwartungen gibt es viele – nicht allen kann sich eine noch so unabhängige Kritiker:innenjury entziehen, die weiß, dass sie unter öffentlichkritischer Beobachtung steht. Werden diese Erwartungen das ästhetische Urteil stillschweigend beeinflussen?

Inzwischen haben in einem offenen Brief mehrere hundert Theaterleute gegen die Abschaffung der Quote protestiert, weil die strukturelle Ungleichbehandlung fortdauere. Darunter sind Künstlerinnen wie Sandra Hüller oder Julia Riedler, aber auch einzelne Intendanten, die an ihren Häusern keineswegs eine Frauenquote erfüllen. Dabei hätten sie’s doch in der Hand!

Darauf verweisen auch Matthias Pees und Nora Hertlein-Hull, Intendant und Leiterin des Theatertreffens in ihrer Antwort auf den Brief. Gleichzeitig zeigen sie, wie blank die Nerven liegen: Sie verwehren sich gegen den vermeintlichen «Angriff» auf die Unabhängigkeit der Jury, dabei hatten die Unterzeichner nur gebeten, die Entscheidung zu überdenken. Warum so panisch?

Wie es mit der Frauenquote dann weitergeht, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen. Wenn man sie nicht mehr braucht – umso besser. Ob man sie wieder braucht? – Man wird sehen. Nur die Brezel bleibt ewig. 


Theater heute Juli 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Franz Wille

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