Die Banalität des staatstragenden Bösen

Martin McDonagh «Der Kissenmann»

Theater heute - Logo

Idealer und stimmiger kann der äußere Rahmen für dieses Stück kaum sein: In Ingolstadt spielt man Martin McDonaghs «Kissenmann» auf der Werkstattbühne im Keller – ein betongrauer, hermetischer Raum mit bedrängend niedriger Deckenhöhe, kalt und fensterlos, unauffindbar. Da dringt kein Wort, kein Schrei nach draußen; das einzige verlässliche und zeitverstreichende Geräusch: Es tropft immer irgendwo aus rostigen Rohren, nervtötend leise monoton, dann ohrenbetäubend und hirnzersetzend laut.

Ein legaler Ort für illegale (Staats-)Machenschaften in einem nicht benannten Land, in dem man es nötig hat, vorgefertigten «Wahrheiten» mit Drohungen auf die Sprünge zu helfen.

Und wenn sich die Bühnenwände, die Svea Kossack noch rundherum mit bei Einschüchterungsbedarf schrill scheppernden Aktenschränken ausgekleidet hat, auch ab und an öffnen, den Blick auf lichte und idyllisch falsche Außenwelten freigeben – es bleibt eine Illusion, dass es aus diesem Verhörverschlag ein Entkommen gibt. Allenfalls Erinnerungen durchdringen die Mauern, die Figuren, die durch sie treten, kommen als lächerlich unwirkliche Einbildungen daher. 

Schirin Khodadadian hat konsequent ein Folterkammerspiel inszeniert, das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2005
Rubrik: Chronik, Seite 42
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gefrorenes Lächeln in verminter Gegend

So nah sind die Berge. Wie ein Schweizer Modell-Städtchen ist Sarajevo eingebettet in die Landschaft, man möchte an diesen ungewöhnlich sonnigen Oktobertagen am liebsten einfach loswandern, direkt aus der Stadt hinaus in die Natur – doch davor warnt nicht nur das Auswärtige Amt: Noch immer ist die Gegend schwer vermint. Noch immer bedeutet von den Straßen...

Dem Tod ins Auge getrunken

Ein Drei-Minuten-Auftritt nur: Bernhard Minetti 1989 im Berliner Schiller-Theater als abgründig versoffener Mörder und langjähriger Todeskandidat Bernardin in Niels-Peter Rudolphs Inszenierung von Shakespeares «Maß für Maß»: nacktfüßig und -armig, verbockten, verknautschten, listigen Gesichts mit roter Säufernase, so begegnet er der Zumutung, sich nun endlich...

«Jetzt soll er auch noch

Der Mann ist tot. Ganz überwiegend jedenfalls. Das Gesicht zerschunden, der Brustkorb starr, Arme und Beine regungslos, liegt er aufgebahrt im blendenden Weiß eines Krankenhauses. Trotzdem: Es gibt so Typen, die können ihre Klappe nicht halten. Und Jaecki Zucker zählt dazu. Da ist es auch egal, dass er tot ist – Zucker muss noch einiges loswerden. Vor allem über...