Die Ära Sicherheit

Angélika Liddell «Toter Hund in der Reinigung: die Starken»

Theater heute - Logo

Ich schreibe aus Rache», bekennt die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Aus Rache an ihrer Familie, dem Patriarchat, den Gewaltmechanismen der Gesellschaft. Medium dieser Rache sind Liddells inzwischen legendär gewordenen Hassmonologe, und ihre Waffe ist Liddells eigener Körper. Mit Impuls und Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs exekutiert sie den Text auf der Bühne und schießt sämtliche stereotypen Vereinnahmungen des weiblichen Körpers über den Haufen.

Außerhalb Spaniens weitgehend unbemerkt blieb bislang dagegen ein spektakuläres Stück, das Liddell 2007 zur Uraufführung brachte: «Perro muerto en tintorería: los fuertes» – «Toter Hund in der Reinigung: die Starken». Grund des Vergessens: wiederum ein Hassmonolog, der das Stück eröffnet. Weniger eine Publikumsbeschimpfung denn eine Theaterbeschimpfung, eine Invektive gegen die Leitung des «Scheißnationaltheaters», an dem das Stück uraufgeführt wurde, traf er offenbar so ins Schwarze, dass die Direktion die künstlerisch überspitzte Botschaft als reale Attacke verstand und zur Strafe Gastspiele und weitere Vorstellungen weitgehend unterband. Es ist ein selbstbenannter «Akt der Koprolalie«, in dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 169
von Florian Borchmeyer

Weitere Beiträge
Ein Imperium zerfällt

Der 1958 im belgischen Sint-Niclaas geborene Autor Tom Lanoye hat bereits mehrfach unter Beweis gestellt, wie gekonnt er alte Stoffe bearbeitet und neuschreibt. Bei «Mamma Medea» und «Atropa» waren es die Dramen des Euripides und Aischylos, in «Hamlet versus Hamlet», seinem Opus magnum «Schlachten!» und jetzt «Königin Lear» die großen Königsdramen Shakespeares,...

Nach dem Ende

Die Welt, wie wir sie kennen, wird eines Tages zugrunde gehen. Wir verdrängen das dauernd, sonst könnten wir keinen Tag überstehen. Aber wahrscheinlich faszinieren und verstören uns deshalb apoka­lyptische Szenarien so sehr: Endzeitparabeln tauchen in Theater, Literatur und Film in den letzten Krisenjahren häufiger auf, apokalyptische Reiter in unruhiger Zeit. Sie...

Menschen unter Menschen

Was keine Kunst ist, ist ja längst geklärt. Rolltreppe fahren ist keine Kunst. Wändegucken ist keine Kunst. In die Schirn gehen ist keine Kunst. So steht es, bunt auf Beton, seit 2003 groß im Frankfurter U-Bahn-Ausgang «Dom/Römer» an den Wänden, auf die guckt, wer die Rolltreppe hochfährt, um in die Schirn zu gehen. (Oder in den Frankfurter Kunstverein, ins MMK,...