Dichtung und Wahrheit

In seinem Roman «Rausch» begibt sich Nuran David Calis auf die verwinkelten Pfade der Erinnerung

Theater heute - Logo

Der titelgebende Rausch braucht vier Akte, bis er endlich in Ufuk alles auslöscht. Der Alkohol, die Drogen, die Musik, das Bling-Bling, das rasende Auto in dieser Nacht in Saint-Tropez unter den Schönen und sehr Reichen, sie verdrängen sie endlich, die eigene Geschichte, die nicht enden wollende Heimatlosigkeit.

Drei Akte lang hat Nuran David Calis, der Regisseur, Autor, Filmemacher, diese Geschichte versucht zu erzählen, in Loops und Bruchstücken, Erinnerungen, die durch seinen Kopf, «so voll wie ein Sperrmüllhaufen», rasen und sich nicht zu einer schlüssigen Erzählung zusammensetzen lassen wollen.

Ufuk, türkisch für Horizont, ist das Kind türkisch-armenischer Migranten, die es nach Bielefeld verschlagen hat, ganz wie Nuran David Calis, der dort 1976 geboren wurde. Das Narrativ, mit dem Ufuks Eltern den heranwachsenden Sohn und die Behörden versorgt haben, handelt von politischer Verfolgung im Istanbul der 1970er Jahre, Gewalterfahrungen, dem Verlust von allem, Heimat, Reputation, Zugehörigkeit. Der Vater passt sich an, die Mutter lehnt sich auf. Ein Jahr nach dem Anschlag von Solingen, bei dem fünf Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen, stirbt sie, Schlaganfall.

Damit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2026
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Kunstreiter müsste man sein!

Nicht ein Clown, sondern viele: Ein ganzes Zirkusbestiarium bevölkert die Manege bei Antú Romero Nunes’ Inszenierung von Charles Dickens’ «Hard Times». Es gibt hier Tier-Mensch-Wesen, Artist:innen, Weißclowns, einen Dummen August und mittendrin einen Zirkusdirektor, den Cino Djavid mit Lispelstimme, schlecht sitzendem Anzug und extrem unvorteilhafter Perücke...

Im Wandel des Leids

Gebannt fixiert der schmächtige, in sich gekehrt wirkende Junge das kesse, wendige Mädchen, das ihm provozierende Fragen stellt. Gerade zehn Jahre alt sind Jules und Alva, als sie im Internat aufeinandertreffen – am Schauspiel Bochum ein sich ins Dunkel verlierender, unwirtlicher Raum. Einige Augenblicke später sind sie bereits 16 Jahre und verabreden sich,...

Globales Teambuilding

Theater heute Eigentlich wollten Sie als – pardon – ältere, weiße, mitteleuropäische Männer gar nicht mit uns über Theater der Welt in Chemnitz reden, sondern haben auf die neun internationalen Kurator:innen verwiesen, die das Programm verantworten. Das ließ sich aber organisatorisch nicht herstellen, also sind Sie freundlicherweise doch eingesprungen. Das Festival...