Der Moment der Abrüstung
Wenn Christoph Schlingensief in Wien auftrat, ob mit einer Aktion wie «Ausländer raus!» vor der Oper oder mit Projekten wie «Bambiland» oder «Area 7» im Burgtheater, erwachte die Stadt für kurze Zeit aus ihrem restaurativen Schlummer.
«Provokation!», rief es und «Was will der denn schon wieder!». Journalisten und Leserbriefschreiber suchten in den Projekten nach dem Skandalon, schließlich ist der Skandal ein überlebenswichtiger Bestandteil des Wiener Alltags. Und natürlich wurden sie fündig.
Ob beim Auftritt eines bekannten Grazer Pornodarstellers, den vor «Bambiland», selbstverständlich und Ehrenwort, noch nie jemand gesehen hatte. Oder im leergeräumten Burgtheater-Parkett beim Überfall der Animatographen in «Area 7». Mit der Skandalisierung hatte man einen Weg gefunden, sich Schlingensief vom Hals zu halten und die Skandale, auf die er hinwies, sozusagen niederzurummeln. Man hatte sich für seine Arbeit ein paar abweisende Vokabeln zurechtgelegt: wirr, chaotisch, pubertär, dilettantisch. Er wurde zum Enfant terrible stilisiert, man hielt ihn auf gut Deutsch also für einen schrecklichen Kindskopf.
Nostra Culpa
Und jetzt? Auf einmal ist alles anders. Bei Christoph Schlingensiefs ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Nacht vom 16. auf den 17.2. 2001 und Morgen 6 Uhr 35
Grausam. Gegen 23 Uhr wankte ich zum 1. Mal nach unten, auf der Treppe begegnete ich einer Ärztin, die mich ziemlich verstört den Hosenstall zumachen sah, ich wollte mich einfach richtig anziehen, danach Streit mit demWachmann, der mich nicht in den Fernsehraum lassen wollte, ekelhaft, reine Schurigelei, es sei...
Ein gründerzeitliches Tableau vivant. Das ist Robert Walsers Erfinderfamilie Tobler in Luzern: apart verteilt im mehrstöckigen Entrée der Villa «Abendrot», einem prächtigen Treppenhaus von Werner Hutterli, reglos erstarrt. Was sich bewegt, ist in dieser ersten Szene einzig der Gehülfe: Wirsich, der gehen muss und seinen Koffer packt. Hose, Hemd – nur nicht die...
Rien ne va plus. Auf einem Flughafen, dem klassischen Nicht-Ort der Postmoderne, hat Tena Stivicic den Reisenotstand ausgerufen. Vermutlich ist die junge kroatische Autorin mit Wohnsitz in London und europäischer Karriere selbst Dauergast in Heathrow und all den anderen Passagierumschlagplätzen des Kontinents. Für ihr Stück «Funkenflug», das nach der Präsentation...
