Der Moment der Abrüstung
Wenn Christoph Schlingensief in Wien auftrat, ob mit einer Aktion wie «Ausländer raus!» vor der Oper oder mit Projekten wie «Bambiland» oder «Area 7» im Burgtheater, erwachte die Stadt für kurze Zeit aus ihrem restaurativen Schlummer.
«Provokation!», rief es und «Was will der denn schon wieder!». Journalisten und Leserbriefschreiber suchten in den Projekten nach dem Skandalon, schließlich ist der Skandal ein überlebenswichtiger Bestandteil des Wiener Alltags. Und natürlich wurden sie fündig.
Ob beim Auftritt eines bekannten Grazer Pornodarstellers, den vor «Bambiland», selbstverständlich und Ehrenwort, noch nie jemand gesehen hatte. Oder im leergeräumten Burgtheater-Parkett beim Überfall der Animatographen in «Area 7». Mit der Skandalisierung hatte man einen Weg gefunden, sich Schlingensief vom Hals zu halten und die Skandale, auf die er hinwies, sozusagen niederzurummeln. Man hatte sich für seine Arbeit ein paar abweisende Vokabeln zurechtgelegt: wirr, chaotisch, pubertär, dilettantisch. Er wurde zum Enfant terrible stilisiert, man hielt ihn auf gut Deutsch also für einen schrecklichen Kindskopf.
Nostra Culpa
Und jetzt? Auf einmal ist alles anders. Bei Christoph Schlingensiefs ...
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