Der menschliche Faktor
Im Grunde bedurfte es nicht einmal der, obgleich schönen, Verlängerung vom Theater in den Konzertsaal, wenn das Publikum nach vier Stunden für die ersten der angesetzten Aufführungen hinüber ins nahegelegene Anneliese Brost Musikforum wanderte, um Dmitri Schostakowitschs Symphony Nr. 10 e-Moll mit den Bochumer Sinfonikern unter Tung-Chieh Chuang zu erleben. Als Fortschreibung des Romans «Leben und Schicksal» mit anderen Mitteln.
Jenes Werk, das der auch in seiner Heimat verfemte Komponist wohl in Reaktion auf den Tod Stalins 1953 geschrieben hat: als Bekenntnismusik in elegischer Zartheit und aufrührerischem Leidenspathos.
Johan Simons’ Inszenierung schafft sich nämlich von Beginn an ihre eigene Musikalität, baut sich ihre eigene kammermusikalische Struktur in der Konzentration auf die Ur-Idee, dass die Lebenden und die Toten nicht getrennt sind, sondern Umgang pflegen, Zwiesprache halten, die Trennlinie sich aufhebt – im Angesicht des Schmerzes.
Wassili Grossmans Roman ist ein Monument: in seiner sprachlichen Kraft, Schönheit und dunklen Leuchtkraft ebenso imponierend wie als historisches Panorama über das Verhängnis des 20. «Wolfshund-Jahrhun -derts», wie Ossip Mandelstam ...
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Theater heute Juni 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Andreas Wilink
Das große Einstweh: In Tschechows «Der Kirschgarten» schwelgen die Figuren unentwegt in Erinnerungen. Sie erzählen von früher, von der Kindheit unter blauem Himmel und im weißen Blütenmeer. Als die Großgrundbesitzerin Ranjewskaja (Karin Klein) mit ihrer Tochter Anja (Aleksandra Kienitz) aus Paris in ihr einstiges und längst von Schulden belastetes Anwesen mit dem...
«Zehn Jahre», erklärte Jury-Mitglied Annemie Vanackere in ihrer Begrüßung zu Beginn der Verleihung des Theaterpreises Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung an Lina Majdalanie und Rabih Mroué, «haben Rabih und Lina in Deutschland gelebt, bevor sie ihre Einbürgerung beantragen konnten, weitere drei Jahre haben sie auf die Entscheidung über ihren Antrag warten...
Nicht ein Clown, sondern viele: Ein ganzes Zirkusbestiarium bevölkert die Manege bei Antú Romero Nunes’ Inszenierung von Charles Dickens’ «Hard Times». Es gibt hier Tier-Mensch-Wesen, Artist:innen, Weißclowns, einen Dummen August und mittendrin einen Zirkusdirektor, den Cino Djavid mit Lispelstimme, schlecht sitzendem Anzug und extrem unvorteilhafter Perücke...
