Der menschliche Faktor
Im Grunde bedurfte es nicht einmal der, obgleich schönen, Verlängerung vom Theater in den Konzertsaal, wenn das Publikum nach vier Stunden für die ersten der angesetzten Aufführungen hinüber ins nahegelegene Anneliese Brost Musikforum wanderte, um Dmitri Schostakowitschs Symphony Nr. 10 e-Moll mit den Bochumer Sinfonikern unter Tung-Chieh Chuang zu erleben. Als Fortschreibung des Romans «Leben und Schicksal» mit anderen Mitteln.
Jenes Werk, das der auch in seiner Heimat verfemte Komponist wohl in Reaktion auf den Tod Stalins 1953 geschrieben hat: als Bekenntnismusik in elegischer Zartheit und aufrührerischem Leidenspathos.
Johan Simons’ Inszenierung schafft sich nämlich von Beginn an ihre eigene Musikalität, baut sich ihre eigene kammermusikalische Struktur in der Konzentration auf die Ur-Idee, dass die Lebenden und die Toten nicht getrennt sind, sondern Umgang pflegen, Zwiesprache halten, die Trennlinie sich aufhebt – im Angesicht des Schmerzes.
Wassili Grossmans Roman ist ein Monument: in seiner sprachlichen Kraft, Schönheit und dunklen Leuchtkraft ebenso imponierend wie als historisches Panorama über das Verhängnis des 20. «Wolfshund-Jahrhun -derts», wie Ossip Mandelstam ...
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Theater heute Juni 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Andreas Wilink
Pläne der Redaktion
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