Der menschliche Faktor

Johan Simons inszeniert im Schauspielhaus Bochum Wassili Grossmans «Leben und Schicksal»

Theater heute - Logo

Im Grunde bedurfte es nicht einmal der, obgleich schönen, Verlängerung vom Theater in den Konzertsaal, wenn das Publikum nach vier Stunden für die ersten der angesetzten Aufführungen hinüber ins nahegelegene Anneliese Brost Musikforum wanderte, um Dmitri Schostakowitschs Symphony Nr. 10 e-Moll mit den Bochumer Sinfonikern unter Tung-Chieh Chuang zu erleben. Als Fortschreibung des Romans «Leben und Schicksal» mit anderen Mitteln.

Jenes Werk, das der auch in seiner Heimat verfemte Komponist wohl in Reaktion auf den Tod Stalins 1953 geschrieben hat: als Bekenntnismusik in elegischer Zartheit und aufrührerischem Leidenspathos.

Johan Simons’ Inszenierung schafft sich nämlich von Beginn an ihre eigene Musikalität, baut sich ihre eigene kammermusikalische Struktur in der Konzentration auf die Ur-Idee, dass die Lebenden und die Toten nicht getrennt sind, sondern Umgang pflegen, Zwiesprache halten, die Trennlinie sich aufhebt – im Angesicht des Schmerzes.

Wassili Grossmans Roman ist ein Monument: in seiner sprachlichen Kraft, Schönheit und dunklen Leuchtkraft ebenso imponierend wie als historisches Panorama über das Verhängnis des 20. «Wolfshund-Jahrhun -derts», wie Ossip Mandelstam ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Andreas Wilink

Weitere Beiträge
Chemnitz ohne Schauspielhaus?

Zumindest einer dürfte sich über die Aufregung gefreut haben. Detlef Müller, Mitglied des Chemnitzer Stadtrats für die SPD und ehemaliger Bundestagsabgeordneter, der sein Direktmandat an die AfD verloren hat, hatte einen Coup gelandet und seine Stadt ein Jahr nach der Kulturhauptstadt wieder in den kulturpolitischen Diskurs gebracht, allerdings eher destruktiv....

Don’t worry, be happy!

Die schwedische Comicautorin Liv Strömquist wurde international mit dem feministischen Band «Der Ursprung der Welt» (2014, deutsch 2017) bekannt, einer satirischen Kulturgeschichte der Vulva. Ihre jüngste Graphic Novel, «Das Orakel spricht» (2024), ist eine kleine Enzyklopädie der Ratgeber und Besserwisser. Das antike Orakel Pythia und die heilige Katharina treten...

Das Drama flach halten

Ein bisschen erinnert er an JD Vance, dieser Anzugtyp, der da in Großprojektion auf dem Vorhang populistisch in der Menge badet, dabei straight und siegessicher in die Kamera grinst. Und dann auch wieder nicht. Zumindest scheint er nicht bedingungslos an brutale Remigrationsprogramme und identitäre Privilegien zu glauben. Der Ort der Geburt, ist der wirklich so...