Der große Bruder, der nie schläft
«Da wo die Bücher herkommen, da denken alle.» Desto mehr ist es für die Protagonisten in Herta Müllers «Herztier» notwendig, die wenigen, die sie noch haben, möglichst sicher zu verstecken. Denn der Ungeist der Diktatur greift längst um sich. Freies Gedankengut muss im Verborgenen bleiben.
Mit ihrer Erfahrung aus dem Ceaucescu-Regime schuf die 1953 in Rumänien geborene Nobelpreisträgerin in den letzten Dekaden ein beachtliches Großwerk um das despotische Korsett aus Angst und Schrecken.
Die dramatische Bearbeitung ihres zweiten Romans von 1994 durch den Regisseur Mario Portmann, die derzeit am Konstanzer Stadttheater in einer bewegenden Uraufführung zu sehen ist, offenbart sich als intensives Kabinettstück über Widerstand und Aporie in totalitären Systemen.
In wechselnden Rollen verkörpern Julia Ludwig, optisch erinnernd an Sophie Scholl, und Wolfgang Erkwoh vier befreundete Studenten, die langsam in der Schlinge der Diktatur zu ersticken drohen. Während im Hintergrund auf einer kargen Betonwand Bilder verwilderter Industrielandschaften und alter Sowjetbauten aufscheinen, sprechen sie von den Verwerfungen ihrer Gegenwart. Das Auge des Staates scheint dabei allgegenwärtig: Wie sie ...
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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Björn Hayer
Dass der Extremschauspieler Joachim Meyerhoff auch jenseits der Bühne maßgebliche Alleinstellungsmerkmale aufzuweisen hat, wissen wir spätestens seit seinen autobiografischen Leseperformances «Alle Toten fliegen hoch 1–3» an der Wiener Burg vor fünf Jahren: Auf einen Schulweg voller martialisch Glöckchen schwingender Großschweiger oder plastikpistolenbewaffneter...
Showtime, Swingtime, Steptime. Gleich könnten Fred Astaire, Ginger Rogers, Cyd Charisse und Gene Kelly hereintänzeln. Dann aber erscheinen ein Mister Pink (Henry Meyer) und eine ballettöse Madame Cécile (Elisabeth Kopp), die wir lieber Mademoiselle nennen würden, wenn sie mit leichter Hand das Wunder der Rose vollbringt. Um sie her, im Malersaal des Theaters...
Ankommen, Runterkommen, Wer-kennt-Wen-Geschnatter und Schneematsch draußen lassen – wer das nicht ganz schafft, den bringt Geumhyung Jeong mit ihrer sanft autoritären Präsenz dazu: Die südkoreanische Performerin beherrscht die Kunst der Zeitlupe in Zeitlupe. Wenn sie so den weiten leeren Raum durchquert, breitet sich eine kühle Konzentriertheit aus, ein Kosmos mit...
