Der Geschmack des Eisens
Die Nächte vor der Nachricht waren bereits von einer dichten, lastenden Düsternis durchzogen. Einer Dunkelheit, die nicht vom Fehlen des Lichts kommt, sondern vom Verstummen. Seit Tagen herrschte jene digitale Leere, die das moderne Exil definiert: kein direkter Kontakt zu den Liebsten im Iran, keine vertrauten Stimmen am Telefon, die die Angst vertreiben könnten. Stattdessen nur Fragmente, karge Botschaften, die wie Schmuggelgut durch die Hände von Fremden gereicht werden. Freunde von Freunden flüstern ein brüchiges «Sei nicht besorgt, uns geht es gut».
Es sind Sätze, die wie provisorische Pflaster auf einer Wunde wirken, von der man noch nicht weiß, wie tief sie wirklich ist.
In dieser Atmosphäre des Wartens suchte mich der Traum heim. Ich hielt eine Schüssel in den Händen, altes Porzellan, von jenem reinen, absoluten Weiß, das keine Fragen stellt und keine Geschichte zu haben scheint. Es war ein Gefäß, das eine fast sakrale Ruhe versprach, gefüllt mit klarem Wasser – ein Versprechen auf Reinheit, auf das Löschen eines Durstes, der tiefer sitzt als die Kehle, ein Durst nach Gewissheit und Frieden.
Ich trank. Doch im Moment des Absetzens, das kühle Wasser noch als flüchtiger Film meine Lippen, sah ich ihn: einen einzelnen, Blutfleck am makellosen Rand des Porzellans. Ein winziger, unerbittlicher Bruch in der weißen Stille. Und dann kam der Geschmack. Es war nicht nur das visuelle Grauen des Flecks, es war die plötzliche, physische Anwesenheit von Eisen in meinem Mund. Ein metallischer, schwerer Geschmack, der sich weigerte zu schwinden, der sich wie eine fremde Substanz auf meine Zunge legte und in die Zwischenräume meiner Zähne kroch. Er besetzte meinen Atem, nahm mir den Raum zum Einatmen. Als ich aufwachte, war das Zimmer leer, aber der Geschmack war geblieben. Er war die erste, unumstößliche Realität des Tages, noch vor der Sonne oder dem fernen Lärm der Stadt. Er war die Vorahnung, die sich bereits in mein Fleisch gefressen hatte.
Wenig später kam die Nachricht, die der metallische Rückstand bereits angekündigt hatte: drei junge Männer. Verwandte. Drei Körper, die die Hoffnung einer ganzen Familie trugen. Ausgelöscht während der Proteste durch die Hand der Sicherheitskräfte. Ermordet.
In diesem Moment hört das Politische auf, eine Theorie zu sein; es wird zur Biologie, zur Anatomie des Schmerzes. Die Unterdrückung ist kein Schlagwort, sie ist ein dauerhafter, metallischer Geschmack auf der Zunge derer, die übrig geblieben sind. Wenn wir im Theater über die Darstellung von Gewalt sprechen, worüber sprechen wir dann eigentlich? Über die Ästhetik des roten Farbbeutels? Über das Lichtdesign des Schreckens? Können wir die Farbe des Blutes auf der Bühne überhaupt noch rechtfertigen, wenn wir nicht in der Lage sind, diesen Geschmack des Eisens zu vermitteln – diese unerträgliche Schwere, die bleibt, wenn der Vorhang fällt?
Die Archive der Kälte und die Toten der Lücke
Die Nachricht von ihrem Tod machte aus meinem Traum eine Chronik des Unausweichlichen. Diese drei jungen Männer sind nun Teil jener «Lücke», jener «Pflicht des Fehlens», die mich seit Jahren beschäftigt. Ihr Verstummen ist jetzt so präsent wie das weiße Porzellan in meinem Traum, doch das Wasser, das wir trinken, hat seine Unschuld verloren. Es ist eine Vergiftung der Gegenwart, die durch keine Analyse geheilt werden kann. Jeder Atemzug hier, in der Sicherheit oder Scheinsicherheit, schmeckt nach dem Blut, das dort auf den Straßen vergossen wurde. Es ist eine unerträgliche Intimität mit dem Tod, die keine geografische Distanz, keine Grenze kennt. Wir tragen die Toten nicht im Gedächtnis, wir tragen sie im Gaumen, im Blutkreislauf, in der Unmöglichkeit, jemals wieder nur «klares Wasser» zu trinken.
Die Nachricht von meinen drei Verwandten war nur ein Tropfen in einem Ozean aus Eisen, dessen wahres Ausmaß das Regime unter einem Leichentuch aus digitaler Stille zu verbergen sucht. Während wir hier versuchen, die Sätze zu ordnen, wird die Wahrheit im Iran in Kühlwagen für Speiseeis und Fleischtransportern abtransportiert. Es ist eine mechanische Beseitigung von Leben, die keine Zeugen duldet. Berichte dokumentieren nun das, was wir längst in unseren Körpern spüren: Die Rede ist von mindestens 30.000 Toten, sogar mehr – eine Zahl, die so gewaltig ist, dass sie droht, zu einer bloßen Statistik zu erstarren, wenn wir ihr nicht die Namen und die Gesichter zurückgeben.
Das Internet ist nicht nur abgeschaltet; es ist amputiert. In dieser künstlichen Dunkelheit verschwinden Körper in Massengräbern wie Behesht-e Sakineh, ohne Abschied, ohne Ritus. Berichte von Medizinern offenbaren das Grauen in den Krankenhäusern: Junge Menschen, die noch an Kathetern und Schläuchen hingen, wurden mit Kopfschüssen in die Leichenhallen geliefert. Hingerichtet, während sie noch um ihr Überleben kämpften. Das ist eine Gewalt, die bis zu den medizinischen Instrumenten vordringt, eine Brutalität, die selbst den Ort der Heilung in eine Endstation verwandelt.
Hier im Exil lesen wir diese Zahlen und spüren die Kälte der Distanz. Doch wie beschreibt man eine Stadt wie Karaj, in der die Erde unter dem Gewicht der heimlich Verscharrten bebt? Die Unterdrückung ist heute eine industrielle Produktion von Abwesenheit. Wenn 30.000 Menschen fehlen, dann ist das eine irreversible Verstümmelung unserer kollektiven Gegenwart im Iran. Wir leben in einer Zeit, in der das Verschwindenlassen zur staatlichen Strategie erhoben wurde. Unsere Aufgabe ist es nun, der «Pflicht der Lücke» nachzukommen: Die Toten aus den anonymen Lastwagen zurück in das Licht der Sprache zu holen, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr, bis die Stille bricht.
Die Architektur der Asche: Ein Albtraum im Albtraum
In diesem Vakuum, das die Toten hinterlassen, kriechen nun die Schatten der Väter aus der Erde. Es ist ein saugender Abgrund, der sich auftut, wenn die Gegenwart nur noch aus Fleisch und Eisen besteht. Man greift nach alten Kronen und verstaubten Symbolen, als könnten sie die Kälte vertreiben, die uns bis in die Knochen dringt. Doch es ist eine Flucht in eine Nostalgie, die nach Verwesung schmeckt. Wir sehen, wie das Versprechen von «Frau*, Leben, Freiheit» unter dem Gewicht neuer, alter Grausamkeiten erstickt wird.
Ein neuer Albtraum schichtet sich über den alten. Es ist eine Bewegung, die mit lautem Geld und harten Gesten den Raum besetzt, eine Ordnung, die den Hass auf alles Andere, alles Queere, alles Linke wie eine Monstranz vor sich herträgt. Sie tragen denselben Keim der Unterdrückung in sich, den wir seit Jahrzehnten bekämpfen. Sie jubeln über Vernichtung und Krieg, als wäre das Blut ein Festmahl und nicht ein Fluch. Es ist der Albtraum im Albtraum: Während wir versuchen, den Mördern zu entkommen, bauen die nächsten bereits die neuen Gefängnisse, legen die Minderheiten wieder an die Kette, noch bevor die ersten Gräber in Karaj zugeschüttet sind.
Aber warum sollte man überrascht sein? Die Islamische Republik hat das Land so lange entstellt, jede zarte Regung von Kritik so gründlich ausgemerzt, dass am Ende nur das Extreme, das Harte, das Grausame überleben konnte. Wenn man ein Feld Jahrzehnte mit Gift tränkt, wachsen keine Blumen der Demokratie. Und der Blick über die Grenzen zeigt uns nur den Spiegel unserer eigenen Qual: Überall auf der Welt stehen die Faschisten bereit, ihre Krallen in die nächste Wahlurne zu schlagen. Der Iran ist keine Insel des Schmerzes; er ist Teil einer Welt, die an vielen Ecken gleichzeitig in Flammen steht. Doch in dieser spezifischen Dunkelheit vollzieht sich ein Raub der Stimmen.
Es ist kein Zufall, dass die Minderheiten, die an vorderster Front stehen, schon jetzt wieder an den Rand gedrängt werden. Wir sind diejenigen, die den Widerstand atmen, aber wir sind nicht diejenigen, die über die Zukunft entscheiden. Wer die Macht hat, entscheidet über das Narrativ. Wenn die Mehrheit «Nieder mit dem Diktator» schreit, dann ist das die unumstößliche Realität der Straße. Doch unter dieser Oberfläche brodelt die Gefahr der Wiederholung: Ein System, das sich als Opposition tarnt, aber bereits die Werkzeuge der alten Unterdrückung schärft.
Dass wir hier stehen, in Städten wie Berlin, während unsere Haut noch in den Zellen von Teheran klebt, ist keine Heldentat. Es ist ein Zustand der Lähmung. Wir ziehen die brennenden Städte hinter uns her, Stück für Stück, Schrei für Schrei, aber wir müssen zusehen, wie der Name unserer Toten für eine Politik benutzt wird, die uns erneut zum Schweigen bringen will.
Die Gegenwart ist kein Versprechen und sie braucht keinen Trost. Sie ist der unaufgelöste Zustand des Atmens in einer Welt, die uns den Sauerstoff raubt. Vielleicht ist das die einzige Wahrheit: Dass wir die Lücke aushalten müssen, die entsteht, wenn die eigene Stimme von den Geistern der Vergangenheit und den Faschisten der Gegenwart gleichzeitig besetzt wird. Es gibt keine Rückkehr zur Reinheit. Es gibt nur das Bleiben in der Lücke, bis das Schweigen der 30.000 so schwer wird, dass kein Slogan es mehr verdecken kann.
MARYAM PALIZBAN ist Schauspielerin, Autorin sowie Theater- und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt in Berlin.
Theater heute März 2026
Rubrik: International, Seite 48
von Maryam Palizban
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