Der ganze Dreck der Welt
Ein bitterer Abend, zugleich spielerisch und leicht. Nuran David Calis hat am Mannheimer Nationaltheater Shakespeares «Hamlet» inszeniert. Die Titelfigur spielt die quirlige junge Schauspielerin Shirin Ali – mit Prinz-Eisenherz-Frisur, in enggeschnürten schwarzen Lederhosen und Sneakern. Ein Teenager. «Sehe ich aus wie ein Held einer Geschichte? Einer, der vorangeht. Oder bin ich einer, der zurückbleibt? Der kämpft. Oder kämpfen lässt?», fragt Hamlet gleich zu Beginn. Sein Zorn richtet sich gegen alles. Gegen die Tradition und das System.
Gegen seinen Stiefvater Claudius, der seinen Vater getötet hat. Gegen seine Geliebte Ophelia, weil sie eine passive Außenseiterin ist. Er regt sich sogar darüber auf, dass die Eltern sich im Schloss nicht die Straßenschuhe ausziehen: «Ihr bringt den ganzen Dreck der Welt hier rein. Das gehört sich nicht.»
Calis – ja eigentlich Dokumentar- und Überschreibungsvirtuose – hat «Hamlet» original auf die Bühne gebracht, aber gekürzt und durch eigene Texte ergänzt. Seine Dialoge, die in entspannter Alltagssprache verfasst sind, fügen sich bruchlos ein in Schlegels Blankvers-Übersetzung. In seiner Fassung leben König Claudius und Gertrude keine Zweckehe, ...
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Theater heute März 2026
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Verena Großkreutz
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