Der entstellte Philosoph
Wer war nochmal Friedrich Nietzsche? Ein Philosoph, der Gott für tot erklärte – und im Wahn in Turin ein gepeitschtes Pferd umarmte. Um anschließend, gewinnbringend ausgeschlachtet und dement, jahrzehntelang bei seiner antisemitischen Schwester dahinzuvegetieren.
Die Werkkenntnis des bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts kann heute nicht mehr ohne Weiteres vorausgesetzt werden. Und daher ist es gut, dass der Abend im Theater an der Ruhr mit einer Lehrstunde beginnt.
Auf schwarzer, kahler Bühne erzählen sieben Ensemblemitglieder trocken und mit verteilten Stimmen Nietzsches Leben nach, eine gute halbe Stunde lang, in großer Detailfülle, mit Zitaten, Krankenberichten, Brief-Auszügen.
Großer Raum wird der schwesterlichen Verfälschung seines Werks gewidmet. Nach dem Vortrag räumen sie die Stühle weg. Und geben einen idyllischen Nietzsche-Zimmerkasten frei, mit schmutzig angelaufener Tapete, wo er endlich allein das Wort hat. Zuerst ist die Schauspielerin Maria Neumann Nietzsches Wiedergängerin: in Nachthemd mit Fliege, suchend hält sie eine Laterne hoch. «Ich suche Gott», ruft sie irrend. Wo ist er nur? Wo hält er sich versteckt? Wir alle sind seine Mörder, spricht Neumann ins ...
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Theater heute Juni 2026
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Dorothea Marcus
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