Der Baum und seine Säfte

Theater heute - Logo

Mit Volker gab es keine Proben. Statt zu proben kam Volker mit dem Taxi zu mir nach Weißensee, wir haben ohne viel zu reden Opern­filme gekuckt: Jean Pierre Ponelle, Otto Schenk, Karajan und unsere Lieblingstenöre gehört. Max Lorenz, der schwule Wagnerheld, war der genialste. Volker hatte ihn in Wien persönlich kennengelernt, als er dort am Max-Reinhard-Seminar studierte. Er kannte auch viele weltberühmte Sopranistinnen persönlich. Volker war ein Opern-Nachschlagewerk. Wir haben Opernsängerraten gespielt. Er kannte sich besonders gut mit den Sopranistinnen aus.

Er war sozusagen Sopranfetischist, ich war besser in Tenören.  

Volker überragt alles, ein dicker Baum mit unendlich vielen Jahresringen, ein bißchen von seinen Baumsäften zu trinken, war beglückend. Was für ein Leben. Und wir, der Rest, mit unserer Ikea-Existenz, ohne Jahresringe, schauspielern und inszenieren in einem Vogelkäfig. Es ist traurig, wenn die Helden sterben. Aber fuck die Vorbilder. Volker war der old dirty bastard of german theater. Solche Figuren gibt’s nicht mehr. Aber Volker wird bestimmt wiedergeboren, wenn Corona das System flachgelegt hat und andere Bedingungen da sind. 

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2020
Rubrik: Nachruf, Seite 33
von Vegard Vinge

Vergriffen
Weitere Beiträge
Arbeit am Hass

Wer oder was ist schuld am Faschismus? Spontan fallen einem eine ganze Reihe möglicher Ursachen ein. Auf eine wäre man jedoch nicht so leicht gekommen: die verheerende Wirkung des Schlagers, die der Berliner-Ensemble-Dramaturg Bernd Stegemann mit Rückgriff auf Theodor W. Adorno ausmacht. In seinem Programmheftaufsatz zu Michael Thal­heimers «Katzelmacher»-Adaption...

Frankfurt: Bitten um ein Ende

Es klopft, hämmert, dröhnt am Eisernen. Will da wer raus? Oder rein? Als der enorme Vorhang in die Höhe fährt, gibt er den Blick frei auf eine wüste Leere, durch die leiser Nebel wabert, auf einen gewaltigen Metallkubus, an dessen Wänden der Rost hinabtrieft (Bühne: Julia Kurzweg). Ein Unort, fürwahr, ein Unterschlupf oder vielleicht ein Gefängnis. Darin hausen, so...

Der Übergriff als Kunst und Wirklichkeit

Kennengelernt habe ich Volker Spengler vor 45 Jahren, Mitte der 70er Jahre in Frankfurt, und es war erst mal furchtbar. Wir trafen uns zufällig in einer Kneipe am Eschen­heimer Tor, wo uns ein alter Freund, der Bühnenbildner Peter Schlösser, bekanntmachte. Volker hielt mich für schwul, wie er vermutlich alle männlichen Wesen für schwul hielt. Seine...