Dear William

Versuch der Rekonstruktion eines Gedichts von Heiner Müller – und ein Einblick in die Editionswerkstatt

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In der Sammlung «Heiner Müller – Warten auf der Gegenschräge – Gesammelte Gedichte» ist das Faksimile eines Gedichts mit einer Transkription des Textes publiziert. Die Verfasser dieses Sammelbands haben es bei der Transkription belassen, und das Gedicht wurde nie rekonstruiert. 

Heiner Müller redigierte ständig seine Texte, einschließlich bereits veröffentlichter Texte. Er betrachtete seine Texte als work in progress.

Seine Faksimiles, sowohl von getippten wie auch von handgeschriebenen Texten, sind oft ein großes Durcheinander von Streichungen, Streifen, Versetzungen und Kritzeleien. Er ließ oft Optionen übereinander oder nebeneinander stehen, um später darauf zurückzukommen oder es so zu lassen. Das Gedicht «Dear William» gehört zur handschriftlichen Kategorie. Ich habe mich über die Jahre mit seiner Handschrift vertraut gemacht und kann es ziemlich gut entziffern. «Dear William» ist als Sonett beabsichtigt, mit Verwendung von Reim und fünffüßigen Jamben. Müllers Kenntnis der englischen Sprache war gut, aber nicht optimal. Rechtschreibungsfehler kommen mehrmals vor. Die Überlegungen, die zur R ekonstruktion führen: 
«avoid / Forget» → Mit einem Pfeil verweist Heiner Müller ...

Heiner Müller
Dear William.

Don’t get lost in everybody’s mist
Avoid Elizabeth your Virgin Queen
Be timid or play dead but be not keen
Fuck history not the protagonist
Cause your star takes another heaven’s path
Than Essex or whoever lends his name
To wash away your greenish country’s shame
With what his body soils in bloody bath
Stay with your lovers hateful as they are
Loving yourself you loving not yourself
From bed to prison throne or whisky bar
All what remains of you is text on the shelf
Remembered sometime in a crashing car
When demons die encountered by an elf

Rekonstruktion: Marcel Otten

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Theater heute April 2021
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 38
von Marcel Otten

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