Der andere Lehmann

Als Hochschullehrer brachte Hans-Thies Lehmann Studierenden nicht nur das Lesen bei

Theater heute - Logo

Ein Winterabend im Jahr 2000. Lange nachdem in der Dantestraße im TFM-Institut (Theater-, Film- und Medienwissenschaft) der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität die letzten Mitarbeiter:innen nach Hause gegangen waren, leuchtete plötzlich ein Fenster hell auf. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie sich Menschen aus dem Dunkeln herausschälten, die miteinander tuschelten: «Hast du auch eine Einladung bekommen? Zum anderen Brecht?» 

Neugierig stiegen wir durch das Treppenhaus und öffneten die Tür, unter der das Licht hervorkroch.

Und da saß er, Hans-Thies Lehmann, unser Professor und Mentor – und grinste uns an. Auf den Seminar -tischen: Zigarren, Whisky und Brechts «Lesebuch für Städtebewohner»: «Gehe in jedes Haus, wenn es regnet» – rezitierte er mit seiner klaren, warmen, humorvollen Stimme: «und setze dich auf jeden Stuhl, der da ist. / Aber bleibe nicht sitzen! Und vergiss deinen Hut nicht!» (Der Spur dieses Hutes müsste man mal folgen …) Nun aber lautete die Empfehlung: «Ich sage dir: / Verwisch die Spuren!» Rätselhafte Ratschläge: «Was immer du sagst, sag es nicht zweimal.» Oder: «Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn.» 

Was war davon zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 10 2022
Rubrik: Postdramatisches Theater, Seite 38
von Alexander Karschnia, Nicola Nord (andcompany&co)

Weitere Beiträge
Niemand kommt hier lebend raus

So ziemlich alles an der mittelgroßen Provinzstadt ist durchdrungen vom Militär: Die Garnison ist wichtig für das städtische Zusammenleben, man trifft kaum jemanden, der sich nicht mit Dienstgrad vorstellt, und wenn einer wie Baron Tusenbach (Matthieu Svetchine) der Armee eher distanziert gegenübersteht, dann macht ihn das zum Außenseiter. Zwar wird noch marschiert...

Der sokratische Zauberer

Er ging meist auf weichen Sohlen, erinnerte, auch mit seinen listig klugen Augen, an eine weise, leise Katze. Aber Katzen sind zugleich Raubtiere. Dieser sanft wirkende, eher kleinwüchsige Mann, der, als er schon weltberühmt war, am liebsten in Jeans oder legeren Leinenhosen und mit offenem Hemd erschien, er brauchte keinen Auftritt, um einfach da zu sein. Und war...

Zurück zur Natur

Ein spiegelndes Designerhaus (Ramallah Aubrecht) leuchtet auf dem lauschigen Teich des Raffelbergparks hinter dem Theater an der Ruhr, drumherum wogen Weiden, schlängeln sich Gehölze, Lichter blinken aus den Büschen. Dr. Wangel lebt hier mit seiner zweiten Ehefrau Ellida und den Töchtern aus erster Ehe, doch es läuft nicht besonders gut. Müde und entrückt spielt...