Der sokratische Zauberer

Zum Tod von Peter Brook (1925–2022)

Theater heute - Logo

Er ging meist auf weichen Sohlen, erinnerte, auch mit seinen listig klugen Augen, an eine weise, leise Katze. Aber Katzen sind zugleich Raubtiere. Dieser sanft wirkende, eher kleinwüchsige Mann, der, als er schon weltberühmt war, am liebsten in Jeans oder legeren Leinenhosen und mit offenem Hemd erschien, er brauchte keinen Auftritt, um einfach da zu sein. Und war doch ein Alphawesen. Denn Peter Brook, der nicht mit den gestischen Herrscherposen des Großregisseurs oder Stardirigenten agierte, er hatte für andere offenbar schon von früh an eine schwer beschreibliche Präsenz.

Dank einer intuitiven und, wenn man ihm begegnete, zugleich unmittelbar spürbaren Autorität. 

Dank der Gabe auch, mit unerbittlicher Freundlichkeit reden, werben, erklären und letztlich durchsetzen zu können. Schauspielerinnen und Schauspieler, Produzenten, Geldgeber, Intendanten, Sender, Festivalmanager mit lächelnder Insistenz und feinster Eloquenz von seinen Ideen zu überzeugen, war für Peter Brook offenbar ein Lebenselixier. Auch seine Bücher, zuallererst «Der leere Raum», das klügste Theaterbuch bis heute, beruhen ja meist auf Vorträgen, Interviews, Erzählungen, dem gesprochenen Wort. 

Der in London 1925 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 10 2022
Rubrik: Sommer der Verluste, Seite 26
von Peter von Becker

Weitere Beiträge
Der konkrete Möglichkeitssinn

Am 26. Juni starb in Basel der Theater- und Opernregisseur Hans Hollmann, dessen wesentlichster Charakterzug Neugierde war, das Beobachten von Menschen und das Interesse für die Magie der Sprache, «die ausgestellt werden muss, nicht etwa erlebt werden darf». Wenn er auch in den Jahren 1960 bis 1990 rastlos an fast allen deutschsprachigen Bühnen inszenierte, machte...

Sintflut des Datensammelns

Stalin soll derart panische Angst vor einem Attentat gehabt haben, dass seine Leibwächter wiederum panische Angst hatten, ohne ausdrücklichen Befehl das Schlafzimmer des «Stählernen» zu betreten. Als er eines Morgens infolge eines Schlaganfalls zusammenbrach, lag er wohl stundenlang vor seinem Bett, bis endlich jemand wagte, die Tür zu öffnen. Da war es allerdings...

Zurück zur Natur

Ein spiegelndes Designerhaus (Ramallah Aubrecht) leuchtet auf dem lauschigen Teich des Raffelbergparks hinter dem Theater an der Ruhr, drumherum wogen Weiden, schlängeln sich Gehölze, Lichter blinken aus den Büschen. Dr. Wangel lebt hier mit seiner zweiten Ehefrau Ellida und den Töchtern aus erster Ehe, doch es läuft nicht besonders gut. Müde und entrückt spielt...