Niemand kommt hier lebend raus

Russland im Jahr 2022: Dušan David Parízek inszeniert Tschechows «Drei Schwestern» mit abwesender dritter Schwester in Bremen als pessimistische Gegenwartsanalyse

Theater heute - Logo

So ziemlich alles an der mittelgroßen Provinzstadt ist durchdrungen vom Militär: Die Garnison ist wichtig für das städtische Zusammenleben, man trifft kaum jemanden, der sich nicht mit Dienstgrad vorstellt, und wenn einer wie Baron Tusenbach (Matthieu Svetchine) der Armee eher distanziert gegenübersteht, dann macht ihn das zum Außenseiter.

Zwar wird noch marschiert und paradiert, aber das militärische Brimborium ist bereits nur noch Kulisse, eigentlich haben die Soldaten nichts mehr zu tun, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Garnison abgezogen wird und das Städtchen vollständig in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Wenn nicht … 

«Was will ich vom Leben?», fragt Oberstleutnant Werschinin (Alexander Swoboda) in Dušan David Parízeks Inszenierung von Anton Tschechows «Drei Schwestern» am Theater Bremen, und Stabskapitän Soljonyi (Martin Baum) antwortet: «Krieg?» Worauf Werschinin sich in eine Selbstbestätigung träumt. «Ja, das würde mir gefallen. Teil der Geschichte sein.» Russland im Jahr 2022. 

Parízek inszeniert Tschechow vom Ende her: Das Militär ist dabei, weiterzuziehen, die Schwestern haben sich damit abgefunden, dass sie nicht in ihre Heimat Moskau zurückkehren werden, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 10 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Die Macht am Rhein

Bevor es losgeht in der Nibelungenwalstatt vor dem Wormser Dom, ist einiger strategischer Weitblick nötig. Circa 1500 erwartungsfreudige deutsche Mythenfreund:innen verteilen sich Apéro schwenkend in einer weitläufigen, vorbildlich organisierten Erlebnisgastronomie mit Merchandising- und Selfie-Bereich zwischen Barjazz und Nibelungen-Kneippbrunnen – einem mit...

Meine Familie, deine Familie

Mit rund 280.000 Einwohner:innen ist die Hafenstadt Bergen die zweitgrößte Kommune Norwegens. Sie liegt an der Südwestküste und ist unfassbar malerisch. Und die Sonne erst! Sie ist kalt und warm zugleich und scheint an diesem Samstag fast ganz Bergen auf den zentralen Platz gelockt zu haben. Männer mit Zylindern, Frauen mit Blumenkränzen in den Haaren und einen...

Der sokratische Zauberer

Er ging meist auf weichen Sohlen, erinnerte, auch mit seinen listig klugen Augen, an eine weise, leise Katze. Aber Katzen sind zugleich Raubtiere. Dieser sanft wirkende, eher kleinwüchsige Mann, der, als er schon weltberühmt war, am liebsten in Jeans oder legeren Leinenhosen und mit offenem Hemd erschien, er brauchte keinen Auftritt, um einfach da zu sein. Und war...