Denn sie wissen nicht, was gespielt wird

Das Wiener Publikum ist schwer zu provozieren, und seine Taxifahrer sind ein ganz besonderer Mythos

Theater heute - Logo

Eine Freundin von mir ist einmal versehentlich ins Burgtheater gegangen. Sie hatte es mit dem Akademietheater verwechselt, und weil der Irrtum auch dem Billeteur nicht aufgefallen war, saß sie zwar auf dem richtigen Platz, aber im falschen Theater. Es dauerte ein paar Minuten, bis ihr dämmerte, dass da irgendwas nicht stimmte. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und stellte ihrem Sitznachbarn flüsternd eine etwas peinliche Frage: «Entschuldigen Sie, welches Stück wird hier gespielt?» Überraschenderweise konnte dieser sie leider nicht beantworten.

«Fragen S’ mi ned!», erwiderte er nur achselzuckend. Seit ich diese – wahre! – Geschichte kenne, sehe ich das Burgtheaterpublikum mit anderen Augen. Die Vorstellung, dass da lauter Menschen sitzen, die nicht wissen, was gespielt wird, hat etwas Faszinierendes.

Die Anekdote hat auch deshalb Charme, weil sie das Klischee vom bildungsbürgerlichen Wiener Theaterbesucher unterläuft, der nicht nur sehr genau weiß, welches Stück gespielt wird, sondern auch, wie es richtig interpretiert werden sollte. Im Zweifelsfall so wie früher, als noch Paula Wessely und Attila Hörbiger, Oskar Werner und Klaus Maria Brandauer hier gespielt haben. (Ach so: ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Konsens im Parkett, Seite 47
von Wolfgang Kralicek

Weitere Beiträge
Deutsche Erstaufführungen

A

Miguel del Arco

Helena – Plädoyer für eine Schlampe 

(Theater Biel Solothurn)

Ayad Akhtar

Geächtet (Disgraced) 

(Schauspielhaus Hamburg)

Mattias Andersson

Acts of Goodness 

(Theater Radebeul Landesbühnen Sachsen)

 

B

Alexandra Badea

Zersplittert (Schauspielhaus Graz)

Brigitte Buc

Hundswetter (Komödie am Kurfürstendamm)

 

C

Pamela Carter

Was wir wissen (Theater...

Wie funktioniert Gesellschaft?

Dem Verständnis, das Politiker unterschiedlicher Couleur den Ängsten vor «Überfremdung» und «Islamisierung» entgegenbringen, weil man «die Sorgen der Bürger ernst nehmen» müsse, kann man erwidern: Nicht jede Angst ist berechtigt, und nicht jede Angst führt zum Recht. Der Soziologe Heinz Bude spricht in diesem Zusammenhang davon, dass ein ethnisch homogenes Milieu...

Respekt und Vertrauen

Die Welt ist so absurd. 1,1 Millionen Euro jeden Tag in eine zukunftslose Vision zu stecken, die BER heißt, ist ein gigantischer Schildbürgerstreich, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Mittlerweile werden darüber nur noch die Schultern gezuckt, und man will nicht weiter daran erinnert werden. Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, rechtfertigen zu müssen,...