Den Keks essen
Diese «Verwandlung» ist nicht über Nacht passiert, sondern liegt in den Händen des Publikums. Manuel Gerst, Gründungsmitglied der Theatergruppe Monster Truck und hier solistisch in der Regieverantwortung, hat eine Inszenierung nach Franz Kafkas berühmter Erzählung angekündigt – doch im Berliner Ballhaus Ost sind die Tische gedeckt für eine Performance im Stil von Marina Abramovics «Rhythm 0».
1974 lud die jugoslawische Künstlerin in einer neapolitanischen Galerie dazu ein, 72 unterschiedliche Gegenstände auf ihre Person anzuwenden: «Ich übernehme die volle Verantwortung», hieß es in den knappen Anweisungen. Das Publikum ging so weit, ihr einen geladenen Revolver in die Hand zu drücken und auf ihre Schläfe zu richten.
Im Vergleich dazu geht Gersts «Verwandlung» kleinere Risiken ein. Auf der Ballhaus-Bühne steht ein nicht mehr fahrtüchtiger VW Käfer (!), flankiert von zwei Büffettischen voller Gegenstände, von Axt und Baseballschläger über Rasierschaum und Graffitilack bis zu Sprühsahne und Wassermelone. Eine Schriftprojektion fordert das Publikum auf, unter den eigenen Stuhl zu greifen und den dort neben Handschuhen und Schutzbrille befestigten Haftungsausschluss zu unterzeichnen, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2024
Rubrik: Freie Szene, Seite 42
von Eva Behrendt
Die Ungleichheit in Deutschland wächst, der Gini-Koeffizient für die Vermögenskluft ist auf hohe 0,81 angestiegen. Aber sozialer Widerstand will sich nicht regen. Zu tief ist die meritokratische Ideologie und die wie auch immer illusorische Aufstiegserwartung in alle Bevölkerungsschichten eingesickert.
Insofern ist es verdienstvoll, dass sich zwei Berliner Bühnen...
Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin sitzt auf dem Klo, als sein Sohn Ganja den Fürsten Myschkin als neuen Untermieter anschleppt. Hendrik Arnst hat als General a. D. und Oberhaupt einer moralisch und wirtschaftlich heruntergekommenen Familie, die Dostojewski als Gegenstück zu den wohlhabenden Jepantschins konstruiert, nur wenige Auftritte in Frank Castorfs...
Dass Brecht sich 1947/48 in Zürich für die junge Schauspielerin Regine Lutz interessierte, die ihm als seltsam verhuschte Erscheinung in Gorkis «Wassa Schelesnowa» aufgefallen war, verblüffte die Kollegen am Schauspielhaus. Die aus Basel stammende Elevin hätte viel lieber die lasterhaftere der beiden Töchter Wassas gespielt und hatte deshalb in die vom Regisseur...
