Osnabrück: Doppeltes Trauma
Wieder am 8., 9., 16. Juni 2017 in Osnabrück.
Mit einem lauen Witz beginnt das Gespräch zweier Beschädigter; beide, er, Michael, und sie, die «Renata» genannt wird, treffen aufeinander in der Cafeteria einer Jugendpsychiatrie; sie kellnert und bringt fast immer Tee, wenn er Kaffee möchte. Und umgekehrt … Was sie denn so mache außerhalb des Cafés, fragt er. «Terrorismus!» sagt sie – hä? Nochmal bitte: «Tourismus.» Ach so.
Hinter dem Versprecher steckt mehr – Renata (das ist nicht ihr richtiger Name!) hatte offenbar mal eine Muttersprache, die aber nicht Deutsch war; jetzt sammelt sie (in der Leihsprache des Ortes, an dem sie lebt) Wörter, auch wenn die nicht zueinander passen: Ihr Kopf sei «wie zwei Walnüsse in der Tüte». Wie bitte?
Das Mädchen erinnert sich auch an nichts mehr von früher, während der gleich alte Junge mit dem Trauma des toten Vaters nicht zurechtkommt. Papa war zwar ein angesehener Gefäßchirurg, hat sich aber umgebracht; und wie er wollte sich dann auch der Sohn mit einem Segelboot auf See begeben, um nicht zurück zu kommen. Medizinische Begabung aber hat er geerbt, und ein neurologisches Grundlagenbuch auch – und so versucht er, auf der Basis von Experimenten mit allen Sinnen (Hören, Riechen, Sehen und so ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2017
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Michael Laages
«Dantons Tod» in einem Satz? «Die Revolution ist die Maske des Todes.» Der Satz findet sich, leitmotivisch wiederholt, in Heiner Müllers Stück «Der Auftrag» (1979), einem gallig-dialektischen Nachspiel zu Büchners melancholischem Revolutionsdrama. Drei Emissäre des französischen Konvents landen Anfang des 19. Jahrhunderts auf Jamaika. Ihr Auftrag ist es, einen...
Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines...
Die Geschichte, in die Yamila Hanna Bach während ihrer Forschungsreise im Nahen Osten gerät, ist wirklich sehr merkwürdig. Die deutsche Mikrobiologin wird in Martina Clavadetschers Siegerstück der 4. Essener Autorentage «Stück auf!» nämlich gegen ihren Willen zur Protagonistin einer bizarren Neuerzählung der biblischen Parabel von Lot. Eigentlich wollte sie nur...
