Dem Marder die Taube (AT). Auszug

Was machen Autor*innen in der Corona-Pause? Arbeiten natürlich, weiterdenken. Auch wenn die Theater im Lockdown waren und die Uraufführungen Pause machen mussten, geht das Schreiben weiter: ein erster Blick in die Werkstatt noch unfertiger Texte und Projekte. 3.: Caren Jeß

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AKT EINS. TAUBEN

Intro. 
Hemerophile 1

/ Taubengurren1, elektronisch oder aus den Mündern der Darstellenden / 

Die Taube bewegt ihren Kopf vor und zurück. 
Sie ist kultiviert, zausig, meist grau, bisschen grün noch mit drin und auch lila.
Die Taube bewegt ihren Kopf vor und zurück. 
Mehr Sexy, mehr Haltung, mehr Verve wär schön. 
Die Taube pickt Dürüm, pickt Würschtel, pickt Wurm, sie ergeht sich in weltschwangrer Abwechslung.

Es fliegen fünf, sechs Tauben empor 
beim Ausschütteln der Betten, bä 
da schmiert noch ihr Unrat, da 
liegt noch ein Zuchtring 
nein, zwei davon, 
glibberslimegrün 
diesmal. 

Die Taube flattert behäbig vom Blechdach, 
in den Taubenspikes bleibt sie nicht haften, 
sie ist 
keine Beute. 
Die Taube brütet in der Bahnhofsunterführung, kackt 
weiß und gurrt, 
einzig der Snackautomat glänzt, flashy colours, 2,80 
das Snickers.

Die Tauben hängen am Schießstand, peng peng,
lass ma Sekt jetzt, ich kann nicht mehr, halt mein 
Gewehr. 

Die Taube bewegt den Kopf vor und zurück, 
es sieht drollig aus, drollig. 
Komm, wir klauen ihr ihre Gelege 
und malen Gesichter darauf. 
Die lächeln dann, während in ihnen ein Embryo 
dörrt. 

Was tun, wenn man Taube findet im ...

CAREN JESS, geboren 1985 in Eckernförde studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Musik in Flensburg, Freiburg und Berlin, wo sie außerdem eine private Schauspielschule besuchte. 2019 gewann sie mit «Der Popper» den Else-Lasker-Schüler-Preis, 2020 war sie mit «Bookpink» zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen.

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Theater heute August/September 2021
Rubrik: Schreibwerkstatt, Seite 36
von Caren Jeß

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