Deine Stimme wird gehört

Der künstlerische Leiter des Zürcher Theaterspektakels Matthias von Hartz im Gespräch über den Demokratieschwerpunkt beim diesjährigen Festival

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Leonard Haverkamp Matthias von Hartz, die Frage «Warum ein Demokratieschwerpunkt?» erübrigt sich eigentlich.
Matthias von Hartz Die Frage, die man stellen könnte, ist: Warum erst jetzt? Man hätte das wahrscheinlich vor zehn Jahren machen müssen.

LH Das Motto des diesjährigen Theaterspektaktels lautet «Demokratie und Versammlung».

Was verbindet diese beiden Begriffe?
MH Es geht ja immer auch um die Frage: Was kann Kunst, kann Theater zu einer Auseinandersetzung mit Demokratie beitragen? Versammlung ist eine der Antworten. Das Theater und insbesondere dieses Festival sind Orte der Versammlung, besondere Orte innerhalb der Stadt.

LH Was kann Theater außerdem beitragen?
MH Auch beim Klimawandel merken wir, dass gesellschaftliche Transformation eine kulturelle Aufgabe ist. Kunst kann den Horizont erweitern, den Möglichkeitsraum. Sie ermöglicht, andere Beziehungen zur Welt einzugehen als die, die wir bis -lang praktizieren. Außerdem ermöglicht sie eine gesellschaftliche Selbstverständigung: Wer sind wir? Warum sind wir hier? Was wollen wir? Im besten Fall können wir gemeinsam lernen. Das Theater selbst ist ein Medium der Narration, und Narrationen sind das, was Verhalten und Gesellschaft prägt. Außerdem bietet darstellende Kunst die Möglichkeit von Co-Präsenz. In Zeiten von Fragmentierung und Polarisierung gibt es immer weniger Orte, an denen du Räume mit Menschen teilst, die du nicht kennst und die möglicherweise ganz anderer Ansicht sind als du.

LH Trifft man im Theater wirklich die breite Gesellschaft an?
MH Fürs Theaterspektakel kann ich erfreulicherweise mit viel vollerem Herzen Ja sagen, als für die meisten anderen Orte, an denen ich gearbeitet habe, oder die ich besuche. Ein großes Potenzial dieses Festivals ist, dass es einen relativ niederschwelligen Zugang zu internationaler zeitgenössischer Kunst bietet, die in der Regel nicht gerade mainstreamtauglich ist. Es kommen Menschen, die vertrauen dem Anlass Theaterspektakel und schauen einen Choreografen aus Subsahara-Afrika, von dem sie noch nie gehört haben. Das ist eine Chance. Und etwas, woran wir als Kulturinstitu -tionen in den nächsten Jahren verstärkt arbeiten müssen: Wie sind wir zugänglich für diese gemeinschaftsstiftende Kraft, die ich jetzt so beschwöre? 

LH Worin besteht der gesellschaftliche Klebstoff, der Menschen verbindet, die sonst nicht zusammenkommen würden?
MH Niederschwelligkeit hilft extrem. Letztes Jahr stand bei einer Instal -lation vor dem Schriftzug «Capitalism – works for me» ein Button «Yes» oder «No». Ein erst mal neutrales Gesprächsangebot, wie es selten geworden ist. Dieses Jahr haben wir ein ähnliches Projekt zum Thema Vertrauen. Bei «Public Trust» geht es um die Frage, wer verspricht in der Gesellschaft was? Wer gibt welche Versprechen in den öffentlichen Raum, und wo gibt es überhaupt noch Vertrauen in Versprechen?

LH Die Auftragsproduktion «Allianz der letzten Demokratien» stellt die Schweiz in einem «Pre-Enactment» einer nahen, imaginierten Zukunft, vor die Frage, ob sie ebendieser Allianz beitreten möchte.
MH Eigentlich ist die Grundfrage des Projektes: Glauben wir an die demokratische Idee, und wollen wir sie als Teil eines Bündnisses verteidigen? Die Idee, eine zukünftige politische Situation in einer Simulation vorwegzunehmen, eignet sich immens fürs Theater. Aus zwei Gründen: zum einen erlebt man dabei, dass es möglich ist, sich alternative Zukünfte vorzustellen. Was sich Proberaum Zukunft ausdenkt, ist eine Versammlung, an der ich aktiv teilnehmen kann. Das lässt mich Dinge erleben, die dem widersprechen, was ich die ganze Zeit sehe und höre: «Die Zukunft ist kacke, und ich habe keinen Einfluss darauf.» Hier kann ich agieren, meine Stimme wird gehört. Und zum anderen kann ich mich sogar in der Zukunft als handlungsfähig erleben.

LH Gleichzeitig werden, so war es bei der letzten Arbeit von Proberaum Zukunft, große gesellschaftliche Fragen mitverhandelt.
MH Zum Beispiel die Frage, ob du die demokratischen Rechte von Leuten einschränkst, die die Demokratie angreifen? Kannst du mit Demokratie-Entzug für die Demokratie kämpfen?

LH Die anderen Produktionen des Schwerpunkts widmen sich eher Fragen des erweiterten Politikbegriffs.
MH Wir haben versucht, mit unterschiedlichen Mechanismen zu arbeiten. Die beiden Eröffnungsproduktionen stellen die Frage nach der Stimme junger Menschen in der Gesellschaft. «The Teenage Song Book of Love and Sex» ist ein partizipatives Projekt mit isländischen und Zürcher Teenagern. Es geht darum, einen Raum herzustellen, den es in der politischen Realität nicht gibt. Weil diese Jugendlichen nicht wählen dürfen, nicht gefragt werden. In «Violenza 2025» geht es um rechte junge Männer. Auf den ersten Blick ein eher klassisches Theaterstück: Leute stehen auf der Bühne und erzählen was. Das fängt ganz sympathisch an, dann wird es immer xenophober und sexistischer und letzten Endes faschistisch. Im Publikum ist das zunehmend unerträglich. Warum? Die sagen nichts anderes als das, was wir je -den Tag lesen. Da muss ich gar nicht in rechte Foren gehen. In seriösen Tageszeitungen stehen Dinge, die du von der Bühne runter nicht aushältst. Ein super Beispiel für «Was Kunst kann». Wenn ich dem emotional ausgesetzt bin, halte ich das nicht aus. Bei der Vorführung, die ich gesehen habe, sind Menschen auf die Bühne gegangen und haben gesagt: «Aufhören!» Man wird konfrontiert mit seiner Untätigkeit. Das ist dieser Moment von Co-Präsenz – ich schaue meinen Nachbarn an und denke: Hey, jetzt machen wir aber was!


Theater heute August-September 2026
Rubrik: Magazin, Seite 68
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