Dazugehören, dazuverstören
Vor dem Fernseher sitzt eine Gestalt, die aussieht wie tot. – So beginnt die Regieanweisung der zweiten Szene. – Die Gestalt schaut sich eine uralte Vogelsendung an, in der dieselbe Szene ständig wiederholt wird: Exotische Vögel flattern auf. Neben der Gestalt sitzt «der Bruder». Er ahmt die gleiche tote Erscheinung seines Vaters nach. Die Mutter fegt den Fußboden. Das «Mädchen, das wie ein Junge aussieht», ist ihr im Weg. Die Mutter regt sich auf, führt es in sein Zimmer und zieht ihm ein Kleid an. Dann gruppiert sich die Familie zu einem Bild rund um das Mädchen.
Aus dem Bild heraus wendet sich die Mutter ans Publikum: «Ich habe nur einen Wunsch in diesem Leben. Und der lautet, dass ich normal sein darf, also ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und dass meine Familie ebenfalls normal ist, also eine ganz gewöhnliche Familie. Dass man sich nicht unnötig von den anderen abhebt, dass man gewöhnlich wäre, also ganz normal.»
Diese Szene hat etwas Rührendes, so unverblümt schlicht, wie die Mutter spricht, und gleichzeitig etwas Fieses, so automatisiert-übergriffig die Abläufe, so patriarchal und stumpf das Verhalten der Männer. Und darunter immer noch leiser Humor.
Saara Turunen ist Finnin, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 159
von
Die Pandemie und der Lockdown mit dem vielfachen Streamen von abgefilmtem Theater haben der Weiterentwicklung des «Digitalen» an der Bühne möglicherweise einen Bärendienst erwiesen. Seit Jahrzehnten arbeiten wir Videokünstler und Videokünstlerinnen mithilfe des Einsatzes innovativer digitaler Technologie mit Hingabe, großer Sorgfalt und Präzision an der Akzeptanz...
Aus dem Stegreif weinen, das kann nicht jede:r. Das ist das überschaubare Kunststück an der Sache. Ich habe damit schon als hormongefluteter Teenager vor meinen Klassenkamerad:innen geprahlt. «Money makes me cry» habe ich schon einmal gespielt, als Abschied vom Hamburger Schauspielhaus. Damals eine ziemlich sportive Veranstaltung. Ich habe für möglichst viele...
Mein intensivstes Theatererlebnis in dieser unglaublich schweren Spielzeit, die jetzt endlich zu Ende geht, hatte ich nicht im Theater, sondern vor dem Bildschirm. Und mit Bildschirm meine ich in diesem Fall tatsächlich den des Smartphones. Es waren die letzten Momente eines Events des twitch-Streamers Ludwig Ahrgren, das unter dem Namen «Subathon» googlebar ist...
