Zeitlose Teilhabe
Aus dem Stegreif weinen, das kann nicht jede:r. Das ist das überschaubare Kunststück an der Sache. Ich habe damit schon als hormongefluteter Teenager vor meinen Klassenkamerad:innen geprahlt. «Money makes me cry» habe ich schon einmal gespielt, als Abschied vom Hamburger Schauspielhaus. Damals eine ziemlich sportive Veranstaltung. Ich habe für möglichst viele Schaulustige hintereinander eine Minute geheult. Dafür haben sie mir jeweils einen Euro gegeben.
Das ging viele Stunden so.
Draußen standen sie Schlange für diese Peep-Show, in der im Laufe des Tages das One-Trick-Pony glänzte, strauchelte und verfiel, bis es sich selbst den Gnadenschuss gab. Heute ist der Ablauf derselbe, und doch ist es ganz anders. Sechzehn Jahre später, als Prélude eines nach langem Lockdown Zug um Zug wiederbelebten Spielplanes, hat die Performance ihren Charakter verändert. Jetzt ist es so, dass die Gäste wegen der Hygienevorschriften in fünfminütigem Abstand zu mir kommen. Ich begrüße sie namentlich. Ich frage sie, wofür oder worum es sich in ihren Augen zu weinen lohnt. Was meiner Tränen wert wäre. Dabei reden wir nicht von dem Obulus, den sie mir alle in meinen Klingelbeutel an dem langen Stock ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 88
von Wiebke Puls
Da war doch was. Richtig, ganz links hinten im Keller, dort, wo die alten abgelegten Selbstfeiern von Intendanten (damals in aller Regel männlich) lagern, die sich in dicken Büchern nach fünf Jahren Amtszeit eine «Ära» bescheinigt und in teuren Prachtbänden eingesargt haben, da wartet er geduldig, der einsame, graue Diamant. «War da was?» hieß demonstrativ...
Digitales Theater ist genau genommen kein Theater. Es ist ein seltsamer Hybrid, eine Kreuzung aus Film und Theater, an dessen Erforschung und Entwicklung an allen Theatern Europas gerade fieberhaft gearbeitet wird. Mit offenem Ende. Dabei ist ein Paradox offensichtlich: Die Digitalisierung entfernt die zwei Haupt-Protagonist:innen des Theaters – also Bühne und...
Vor dem Fernseher sitzt eine Gestalt, die aussieht wie tot. – So beginnt die Regieanweisung der zweiten Szene. – Die Gestalt schaut sich eine uralte Vogelsendung an, in der dieselbe Szene ständig wiederholt wird: Exotische Vögel flattern auf. Neben der Gestalt sitzt «der Bruder». Er ahmt die gleiche tote Erscheinung seines Vaters nach. Die Mutter fegt den Fußboden....
