Zeitlose Teilhabe
Aus dem Stegreif weinen, das kann nicht jede:r. Das ist das überschaubare Kunststück an der Sache. Ich habe damit schon als hormongefluteter Teenager vor meinen Klassenkamerad:innen geprahlt. «Money makes me cry» habe ich schon einmal gespielt, als Abschied vom Hamburger Schauspielhaus. Damals eine ziemlich sportive Veranstaltung. Ich habe für möglichst viele Schaulustige hintereinander eine Minute geheult. Dafür haben sie mir jeweils einen Euro gegeben.
Das ging viele Stunden so.
Draußen standen sie Schlange für diese Peep-Show, in der im Laufe des Tages das One-Trick-Pony glänzte, strauchelte und verfiel, bis es sich selbst den Gnadenschuss gab. Heute ist der Ablauf derselbe, und doch ist es ganz anders. Sechzehn Jahre später, als Prélude eines nach langem Lockdown Zug um Zug wiederbelebten Spielplanes, hat die Performance ihren Charakter verändert. Jetzt ist es so, dass die Gäste wegen der Hygienevorschriften in fünfminütigem Abstand zu mir kommen. Ich begrüße sie namentlich. Ich frage sie, wofür oder worum es sich in ihren Augen zu weinen lohnt. Was meiner Tränen wert wäre. Dabei reden wir nicht von dem Obulus, den sie mir alle in meinen Klingelbeutel an dem langen Stock ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 88
von Wiebke Puls
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Hotels – wir kennen sie als Durchgangsräume par excellence, Orte temporären Zuhauseseins, gleichzeitig in ihrer Blütezeit Embleme einer in der Selbstrepräsentanz zu sich gekommenen Gesellschaft. Emre Akal lädt uns in seinem neuen Stück in ein besonderes Exemplar der Gattung ein. Das digital-eskapistische «Hotel Pink Lulu» verspricht genau das zu sein: Durchgangsort...
Neulich lag ich im Bett mit zwei Chilenen, einer Brasilianerin, einer älteren Indonesierin, einem Pärchen aus Los Angeles und ein paar Russen. Wir hörten Madhusree zu, wie sie ein altes bengalisches Lied sang. Bei ihr in Kalkutta war es spät in der Nacht, und selbst bei Sunny, die mittlerweile in Talinn lebt, war durch das Fenster draußen schon die esthnische...
