Das dritte Gesicht

Eine Trauerrede auf den Kritiker, Historiker und Intendant Günther Rühle

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«Nichts gehört uns – Unser ist allein die Zeit»

Senecas Satz aus seinen Epistulae morales auf der Traueranzeige der Familie für Günther Rühle ist von für ihn typischer Lakonik und zugleich die treffende Parole für ein unerschöpflich reiches, eine ganze Epoche nicht nur umfassendes, sondern auch überschreitendes Menschenleben.

Günther Rühle war auf souveräne Weise die Zeit eigen, er war ein Beherrscher der Zeit, hellwach beweglich im Geist und luzide präzis im Argument: Prospero und Luftgeist Ariel in einer Person zugleich, aus einem immensen historischen Wissen gebietend den Elementen, Wirrnissen, Irrtümern, Auf- und Umbrüchen unserer Zeit. 

Die Legende sagt, Homer sei blind gewesen, die Legende fragt auch, ob die gewaltigen Epen «Odyssee» und «Ilias» überhaupt von einem einzigen Dichter geschrieben worden sein konnten. Die Wahrheit sagt, dass Günther Rühle sein ganzes Leben in all seinen Büchern, die sich zu einer universellen Theatersaga ausgeweitet haben, ein unbestechlich Sehender gewesen ist und dass die tatsächliche Blindheit seiner letzten Lebensmonate den Blick auf sein eigenes Leben geschärft hat. 

Sein «merkwürdiges Tagebuch» mit dem unsentimentalen Titel «Ein alter Mann ...

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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Hermann Beil

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