Faker als’n Wonderbra

Karabulut nach Wedekind «Franziska. Ein modernes Mysterium» am Bremer Theater

Theater heute - Logo

Juhu! Zwei Jahre lang kann sie, Franziska, das Leben eines Mannes führen. Das war ihr größter Wunsch, denn als Frau würde sie vor Langeweile verrückt. Danach, das ist der Deal, wird sie zur Leibeigenen, zur Sklavin jenes Zauberers und «Sternenlenkers». Nicht Mephisto, sondern Veit Kunz heißt dieser bei Frank Wedekind. Auf der Bühne des Bremer Theaters verwandelt er, gespielt von Annemaaike Bakker, Franziska (Fania Sorel) mit nur wenigen Handgriffen in Franz. Dafür zupft er ihr rasch ein paar Puffärmel vom Kostüm und reicht ihr ein Oberlippenbärtchen to go.

Ein bisschen Glitzerkonfetti, ein teuflischhysterisches Lachen noch und die Verwandlung ist vollbracht. Franz testet sogleich sein Testosteron, flirtet und tänzelt ein bisschen herum, als sich Faust und Mephisto kurzzeitig ins Stück verirren. Die Regisseurin Pinar Karabulut hat diesen Blitzauftritt ihrer Inszenierung hinzugefügt, und doch, natürlich, sind schon bei Wedekind Ähnlichkeiten mit «Faust» offensichtlich. 

Inspiriert von den Avantgardist:innen der Münchner Bohème und, so heißt es, im besonderen von der «Skandalgräfin» Franziska Gräfin zu Reventlow, versuchte sich Wedekind mit «Franziska», 1912 uraufgeführt, an einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Katrin Ullmann

Weitere Beiträge
Vorteilsgemeinschaften

Zunächst sieht alles nach einem Druckfehler der Dramaturgie aus. Laut Stückeinführung spitze Regisseur Antú Romero Nunes Goldoni weiter zu und fordere Verwechslungen und Doppelbödigkeiten heraus, die durch «den Blick eines rein weiblichen Ensembles auf die männlichen Stereotype des 19. Jahrhunderts zusätzlich an Schärfe und Aktualität gewinnen». 19. Jahrhundert?...

Teil des Problems

Kaum zu glauben, dass es sich hier um den Theatersaal des Grillo Theaters handelt. Umzingelt von kinogroßen Leinwänden, verteilt auf Drehstühlen sitzt das Publikum im leeren Raum. Mitten im Geschehen. Mal sind die Schauspieler:innen zum Greifen nahe, dann erscheinen sie nur im Film. Bereits beim Einlass bekommt man über die vielen Leinwände simultane Einblicke in...

Was gewusst werden muss

Selten war dokumentarisches Arbeiten am Theater so wichtig und richtig am Platz wie im Fall von «Urteile» von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi. Bereits 2014, ein Jahr nach Beginn des NSU-Prozesses im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt, hatte im Herbst 2021 am gleichen Ort die um Reaktionen auf die Urteilsverkündung erweiterte Fassung unter...