Das Chaos ist nicht aufgebraucht
Wenn das «Das neue Leben» ist? Große weite leere Bühne mit einer Art Schiedsrichterleiter und einem automatischen Klavier, die später von einem martialischen Lichtrührkreisel abgelöst wird? Ein paar demonstrativ verloren wirkende Schauspieler:innen spielen sich schüchtern bis verlegen einen Text zu, der von strikter Liebesverleugnung und Sublimationskunst handelt. Am Ende erscheint Dantes Beatrice, das geliebt-verleugnete Subjekt der Begierde, als alte Frau aus dem Totenreich und gibt ein paar pragmatisch-nüchterne Lebenshinweise, nahe an der Briefkastentante.
In anderen Jahren hätte danach das Krisengeschrei ohrenbetäubende Ausmaße angenom -men; 2022 aber war man froh, dass es nach zwei digitalstummen Ausgaben überhaupt eine Theatertreffeneröffnung gab und beklatschte das Ereignis dankbar. Weitere Gesprächsthemen waren der Besucherschwund, den der Regisseur Christopher Rüping kurz zuvor in Hamburg öffentlichkeitswirksam beklagt hatte, und das meistgenannte «Theater des Jahres» in der Kritiker:innenumfrage dieser Zeitschrift heißt seit Neuestem auch noch «keines». Mehr Bühnenoptimismus geht kaum. Die Sache lässt sich allerdings auch anders betrachten. Christopher Rüping und sein ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 112
von Franz Wille
I wanted a mission and for my sins they gave me one.» Das ist eines der beiden Zitate, die das Autor:innenduo Sokola/Spreter ihrem Stück «Farn Farn Away» vorangestellt hat. Wie Captain Willard aus «Apocalypse Now» haben die beiden Frauen Maura und Ich den Auftrag, sich in eine unwirtliche, nach-katastrophische Urwaldgegend weitab der Zivilisation zu begeben, um...
Als ich im Jahr 2004 im Schauspielhaus Bochum in einen Lift auf den Weg nach oben Richtung Intendanz stieg, stand da ein Edding-Graffiti: «Don’t cry – work». Schon damals fand ich diese neoliberale Selbstausbeutungsdevise ziemlich strange und widerlich. Der Spruch passte perfekt in ein Haus mit brüllendem Intendantenchef, der später die Schauspielstudentinnen mit...
Theater heute
Die Theaterzeitschrift im 63. Jahrgang
Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
Herausgeber
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
Redaktion Eva Behrendt, Franz Wille (V.i.S.d.P.)
Redaktionsbüro Katja Podzimski
Gestaltung Christian Henjes
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