Das Chaos ist nicht aufgebraucht
Wenn das «Das neue Leben» ist? Große weite leere Bühne mit einer Art Schiedsrichterleiter und einem automatischen Klavier, die später von einem martialischen Lichtrührkreisel abgelöst wird? Ein paar demonstrativ verloren wirkende Schauspieler:innen spielen sich schüchtern bis verlegen einen Text zu, der von strikter Liebesverleugnung und Sublimationskunst handelt. Am Ende erscheint Dantes Beatrice, das geliebt-verleugnete Subjekt der Begierde, als alte Frau aus dem Totenreich und gibt ein paar pragmatisch-nüchterne Lebenshinweise, nahe an der Briefkastentante.
In anderen Jahren hätte danach das Krisengeschrei ohrenbetäubende Ausmaße angenom -men; 2022 aber war man froh, dass es nach zwei digitalstummen Ausgaben überhaupt eine Theatertreffeneröffnung gab und beklatschte das Ereignis dankbar. Weitere Gesprächsthemen waren der Besucherschwund, den der Regisseur Christopher Rüping kurz zuvor in Hamburg öffentlichkeitswirksam beklagt hatte, und das meistgenannte «Theater des Jahres» in der Kritiker:innenumfrage dieser Zeitschrift heißt seit Neuestem auch noch «keines». Mehr Bühnenoptimismus geht kaum. Die Sache lässt sich allerdings auch anders betrachten. Christopher Rüping und sein ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 112
von Franz Wille
Von Anfang an ist das Scheitern eingeschrieben: «Du wirst es nicht wahrhaben wollen, dass dieser Ort zerstört werden wird / but the cops will come / und werden hier alles verwüsten, alles zertreten, was sie mit ihren Stiefeln und ihren behandschuhten Händen nur werden schrotten können / werden dich mit ihren Räumfahrzeugen und Hebebühnen von den Traversen schneiden...
Wenn ich mich zu diesen Themen als Schauspielerin an einer Staatlichen Bühne äußern soll, komme ich mir eher wie eine Soziologin vor, die sich ihrer eigenen Herkunft, ihres Alters und Geschlechts, ihrer Privilegien in hohem Maße bewusst sein muss! In diesem Sinne hoffe ich, mich möglichst präzise auszudrücken.
Im Kern hat der Großteil der sogenannten...
Eine tolle Kollegin, mit der ich viel zu selten Kaffee trinken gehe, meinte vor Kurzem zu mir, sie hätte einmal die schon recht erfahrene Vorzimmerdame eines größeren deutschen Theaters, die schon einige Wechsel von einigen Intendierenden in ihrem Vorzimmerleben miterlebt hat, gefragt, wie das denn nun so sei, über all die Jahre, mit all den Wechseln, und ob es...
