Braunschweig: Menschen-Schau
Dieses Lied spielte das Bordorchester auf der «Titanic» als Letztes, bevor auch Bass, Klavier und die acht Musiker versanken in eisigen Fluten: «Nearer my God to Thee». Als beinahe alles gesagt ist in der Braunschweiger Version von Thomas Köcks mittlerweile von zahlreichen Bühnen erforschtem Stück, wenn also im Text die rätselhaft-vergessenen Gestalten in «Klima-Kapseln» noch einmal über die gründlich verwüstete Erde wandeln, versammeln sich alle in einem auch recht kapselartigen Raum um diese beiden «Post-Parzen» und stimmen diesen letzten Gesang an.
In der Inszenierung von Marcus Lobbes wird Köcks schier grenzenlose Weltuntergangs-Fantasie gerade nicht (wie bislang meistens seit der Uraufführung bei den Ruhrfestspielen) aufgeladen mit Bildern, die die Poesie der Katastrophe in Kostümen des Alptraums zu beglaubigen versuchen: nicht die Geschichten vom frühkapitalistischen Kautschuk-Raubbau in Brasiliens amazonischen Wäldern, nicht die vom scheiternden Kampf eines Kraftfahrzeug-Mechanikers um die Würde der Selbständigkeit, nicht mal die unermesslichen Sprachfluten, die immer wieder wie Regie-Anweisungen über die sich verschränkenden Fabeln hereinbrechen.
Bühnenbildner Wolf ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2018
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Michael Laages
Eine Journalistin recherchiert in Südamerika und ist der Ansicht, sich auf der politisch richtigen Seite zu bewegen. Schließlich, so ihre Selbsteinschätzung, macht sie alles besser als die Mutter, die wohl dunklen Geschäften auf jenem Kontinent nachgeht, von dem die europäischen Kolonisatoren glaubten, es sei Indien. Die Tochter arbeitet an einer TV-Doku in einem...
Es sieht nicht gut aus, das globale Ökosystem. Mit gesichtskonturverflachenden Masken, dazu Basecaps, auf denen «I love Bingo» steht (wobei das Verb neckisch durch ein rotes Herz ersetzt ist) oder Sweatshirts mit der sachdienlichen Information «Everything sucks» tritt es auf der Bühne des Wiener Schauspielhauses zusammen, schickt ab und zu mal einen...
Emma Bovary gehört zu den unglücklichsten Romanheldinnen der Literaturgeschichte. Bald nachdem sie den liebenswürdigen, aber langweiligen Landarzt Charles Bovary geheiratet hat, erkennt sie, dass das ein Fehler war; spätestens nach der Geburt ihrer Tochter, mit der sie nicht viel anfangen kann, entwickelt sie eine mittelschwere Depression. Nach einem folgenlosen...
