Bitte überstrapazieren!

Die Schauspielerin Linn Reusse möchte nicht nur am Deutschen Theater Berlin mehr Grenzen überschreiten

Einsame Menschen? Ein ziemlich munteres Grüppchen quasselt da am Tisch auf der linken Bühnenseite in den Kammerspielen des Deutschen Theaters durcheinander. Sie stoßen mit dem Stanford-Intellektuellen Arno an auf ihr zufälliges Zusammentreffen im schönen Haus am Müggelsee: Hausherr Johannes, der Bestsellerautor mit Schreibblockade, seine Uraltfreundin Sophie und seine Mutter, die gerade Großmutter geworden ist.

Nur eine steht rechts am Rand, hat kein Glas und versucht vergeblich, sich reinzuquetschen in die frohe Runde: Käthe, die Mutter des gerade getauften Säuglings, Johannes’ Frau, die sich ihm hoffnungslos unterlegen fühlt, seit sie ihr Medizinstudium abbrach und Mutter wurde. Linn Reusse, die diese modernisierte Käthe-Version in Daniela Löffners Aktualisierung von Hauptmanns «Einsame Menschen» spielt, wird rabiat. Sie nimmt Arno die Brille von der Nase und setzt sie sich auf, lässt einen Festballon nach dem anderen platzen. Keiner sieht sie. Als sie Johannes küssen will, schreit das Baby. Abgang der Ungesehenen. 

Im ersten Teil des dreistündigen Abends wird sie nicht aufhören, mit großer Unübersehbarkeit verzweifelt um die Rückkehr in die Präsenz zu ringen, vom Trägerröckchen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2022
Rubrik: Akteure, Seite 26
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Rutschbahnen zur Hölle

Als der schwedische Ethnopopstar Gustav seiner Muse und Backgroundsängerin Sky nach liebestrunkener Tournee die zweite Sprachnachricht sendet, kündigt er an, seiner Frau Klara die neue Liebe zu beichten. Doch jeder Satz, den Lindy Larsson als Gustav ins Handy spricht, scheint ein neues Fettnäpfchen zu eröffnen: «It will be painful at first, but eventually she will...

Emre Akal: Hotel Pink Lulu – die Ersatzwelt

Figuren:

Ohne Vorgabe. Kein Geschlecht festgelegt.

Ein unfertiges Stück. Wie auch die Zeit unfertig ist, wie auch die Suche im Digitalen unfertig ist, wie auch die Suche im Digitalen leichtfertig ist, wie auch kein Davonkommen möglich ist, aus der jetzigen Zeit. Die Wahrheit: Der Autor musste das Stück leider frühzeitig abbrechen, da er als Erntehelfer Spargel...

Alte Meister

«Ich bin so wenig Schauspieler, wie Sie Journalist sind», sagt Lars Eidinger, und was hier gedanklich hübsch verdreht daherkommt, ist tatsächlich die Grundprämisse, mit der Eidinger die Hamburger Kunsthalle bespielt. Als Fotograf und Videokünstler, nicht als Theater-, Film- und Fernsehstar. «Ich fotografiere schon mein gesamtes Leben, seit 1982 beschäftige ich mich...