Bissl Grunge, viel Koks
Die fettige Langhaarperücke über der hohen Stirn, die Gänge mit freiem Oberkörper in ausgeleierten Shorts, das maulige Muss-wohl-auch-mal-ne-Jeans-Drüberziehen, wenn’s denn sein soll, diese ganze durchweg herabgedimmte Haltung, mit der Joachim Meyerhoff mal hier, mal dort auf der Bühne lungert, da weiß man, selbst wenn man den Roman noch nicht gelesen hat: Wird wohl nicht gut enden das. Vernon Subutex going down.
Obwohl er ja schon relativ weit unten beginnt, Vernon, der alternde, aber immer noch sexy Plattenhändler, der nach dem Bankrott seines Musikladens «Revolver» die Kontrolle über sein Leben verliert, eine Zeitlang noch von einem Kumpel, dem Popstar Alex Bleach, mit Mietzahlungen über Wasser gehalten wird. Nun aber stirbt Alex. Und Vernon – «Wer zahlt jetzt meine Miete?» – hangelt sich hernach im Netzwerk alter Bekanntschaften von Sofa zu Sofa, von Bettbekanntschaft zu Bettbekanntschaft, bevor er als Penner in den Parks von Paris endet. Die Abwärtsbewegung erzählt der erste Teil der Bestseller-Trilogie von Virginie Despentes, die sich die Schaubühne zum After-Corona-Restart vorgenommen hat – «Vernon Subutex», vom Couchsurfer zum Clochard.
Die schütteren, fettigen Haare von ...
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Theater heute August/September 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Christian Rakow
Und es ward Nacht. Siebeneinhalb Stunden lang. So wollte es Sebastian Hartmann. Am Staatsschauspiel Dresden hat er mit «Das Buch der Unruhe» so etwas wie den ultimativen Live-Stream aufgelegt. Lange Inszenierungen sind ja nichts Neues im deutschen Theater selbst in seiner digitalen Variante, man denke nur an das letzte Theatertreffen, wo gleich zwei dieser...
Im Nachhinein erscheint es mir seltsam, ja vielleicht sogar verlogen, dass ich selbst nie mit der Geisterbahn gefahren bin. Sie wurde 1998, dem Jahr meiner Matura, in unserem Hinterhof errichtet, der auf allen Seiten von fünf- bis sechsstöckigen Mietshäusern umstanden wird. Ich weiß noch, wie meine Mutter sich über den Lärm der Baumaschinen beklagte. Wochenlang...
Die Küche ist out of proportion. Kühlschrank gut drei Meter hoch, Herdplatten auf eins siebzig, und wer sich hier auf den Küchenstuhl setzen will, muss klettern oder springen. Doch es ist nicht nur die Übergröße, die Ersan Mondtags Ensemble verzwergt und seine Küchenbühne so unheimlich macht: Da ist, geradeaus über den Einbauschränken, ein schwer vergittertes...
