Bin ich verängstigt? Zweifellos!

Warum ich Kiew nicht verlasse. Von Larysa Denysenko

Theater heute - Logo

7. März 2022 

Ich habe diese Zeilen so lange wie möglich aufgeschoben.

Ihr habt keine Ahnung, wie viele Fragen mir gestellt werden: 
– Warum gehst du nicht? Bist Du noch immer in Kiew?? – Denk an dich! Du musst leben! Wir brauchen dich! 
– Bist Du verrückt geworden? Wir besorgen Dir ein gepanzertes Fahrzeug, um euch rauszuholen, Du wärest nicht die Letzte, vielleicht hast Du keine Kontakte, wir mieten Dir eine Wohnung in Uschhorod, was denkst Du Dir nur, Du gibst deine Eltern dem Tod preis! 
– Kiew werden sie immer und immer wieder angreifen, es wird Kämpfe geben, Bombenteppiche, kein Wasser, Unterschlupf, Wärme, Licht, ihr seid unseren Soldaten doch ein Klotz am Bein, wo ist euer Gewissen, kommt zur Vernunft, seid keine Sowjetmenschen, verlasst die Stadt, ihr seid nur im Weg, ihr könnt nicht helfen.

Und so weiter und so fort. Ich verstehe, dass die Mehrzahl dieser Rufe, Bitten, Aufforderungen an meine Adresse der großen Liebe zu mir, der Sorge und der Großherzigkeit geschuldet ist. Ich werde nicht erzählen, wie mein Tag beginnt, in einem Land im Kriegszustand, es sind so viele brutale, grausame, unerträgliche Umstände.

Versteht bitte einfach nur eins, in meinem Leben habe ich nie jemandem wirklich einen Grund gegeben, an meinem verantwortlichen Handeln zu zweifeln. Alle, die sich entschlossen haben zum Beispiel in Kiew zu bleiben, haben ihre eigenen Illusionen, machen ihre eigenen Fehler, erwägen verschiedene Umstände, aber sie akzeptieren gemeinsam schwere Entscheidungen. Vom felsenfesten Willen zu Umständen, denen man nicht mehr trotzen kann.

Meine Eltern sind 84 Jahre alt, selbst zwei Stockwerke durch das Treppenhaus bedeuten für sie Stürze, Herzanfälle, und als wäre es nicht genug, kurierten sie in den ersten Kriegstagen noch eine Corona-Erkrankung aus. Mein Vater wurde in Kiew geboren, er ist psychisch und physisch mit der Stadt verwoben, meine Mutter träumte von Kiew seit ihren Mädchentagen, und sie ist hier, hat mich hier zur Welt gebracht.

Es gibt Leute, die ihre Eltern bei den Nachbarn lassen, um sich und ihre Kinder aus Kiew herauszubringen. Ich muss keine Kinder herausbringen. Meine Eltern verstehen die Situation manchmal nicht ganz, sie sind zuweilen verängstigt, selbst wenn sie wunderbarerweise ruhig wirken, jedenfalls haben sie die Umstände akzeptiert und begreifen, wo sie den Tod selbst unter schwierigsten Bedingungen erwarten wollen. Und ich achte das. Also versucht, das ein wenig zu respektieren.

Ich bemühe mich, aufrichtig und gewissenhaft meine Tochterpflichten zu erfüllen. Bin ich mir bewusst, dass es unerträglich werden kann? Ja. Ich bin mir dessen bewusst. Bin ich pessimistisch? Es kommt vor. Wenn mich dieser Zustand packt, dann denke ich daran, dass ich ein anständiges Leben geführt habe. Ja, wirklich, ein anständiges Leben, ich war den Einzelnen und der Gesellschaft, und wohl auch meinem Land, nützlich. Vielleicht einerseits hier und dort zu wenig, doch andererseits waren es eine Menge wichtiger Dinge. Für Ruhe und Gleichgewicht hat es das richtige Maß.

Bin ich verängstigt? Zweifellos. Klammere ich mich am Leben fest? Sicher, sonst würde ich mein Leben nicht in die inneren Korridore des Hauses vergraben wie ein Maulwurf. Male ich mir die Zukunft optimistisch aus? Ja, manchmal in bunten Farben, manchmal schwarz-weiß, aber ich bin optimistisch.

Meine Freundin Katja, die seit der Kindheit alles mögliche Getier rettet und ihr Zuhause in einen kleinen Zoo verwandelte, hat jetzt auch noch Papageien und ein Meerschweinchen. «Keiner wollte es aus dem Zoo mitnehmen, die Chinchillas haben alle genommen, aber das hier wollte keiner. Ich wollte es eigentlich auch nicht, aber es guckt einen so an.»

Auch sie ist hier mit mir in Kiew geblieben. Ich hab ein Kleid für eine Hochzeit gekauft, mein Patenkind heiratet – zum Teufel mit diesen Ungeheuern – im April.

Wir sind einfach hier. Hier. So ist es nun einmal gekommen. Versucht das zu akzeptieren, okay? Ich umarme euch.

Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil

Larysa Denysenko, geboren 1973 in Kiew, ist Schriftstellerin, Anwältin, Menschenrechtsaktivistin und Mitglied des PEN Ukraine


Theater heute April 2022
Rubrik: Krieg in der Ukraine, Seite 7
von Larysa Denysenko

Weitere Beiträge
Zum Glänzen geboren

So schick wie kalt ist dieser goldene Käfig, bei maximaler Transparenz: Der ehrgeizige, nerdige Kleinbürger Jörgen Tesman hat seine Eroberung, die schöne Generalstochter Hedda Gabler, in einen Plexiglaskasten von einer Villa gesteckt. Wie ein seltenes schönes Tier steht sie da nun und schillert, für alle sichtbar, von Neonlicht erhellt.

Die Welt allerdings, die ist in diesem...

Wurzellos und frei

«Imagine», flackert es über die Hinterwand der leeren schwarzen Bühne im Container des Gorki Theaters. Stell dir vor, was kaum vorstellbar ist für uns, gut verwurzelt im sicheren Zuschauerraum, stell dir Krieg vor, Flucht, Fremdheit, Wurzellosigkeit. Das sind die Themen, die Rasha Abbas, 1984 in Damaskus geboren und seit 2014 in Deutschland lebend, in ihren 21 Kurzgeschichten «Eine...

Hart aber fair

Als nekrophile Misogynie hat Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen unser kulturgeschichtliches Tamtam um verblichene Frauen -figuren einmal bezeichnet: also als einen Frauenhass, der die Tote liebt. Und was zunächst nach einer eher speziellen psychischen Störung klingt, ist doch mindestens ein wiederkehrendes Motiv, wenn nicht gar stabiles Standbein der Weltliteratur. Bezeugen...