Autopsie einer Revolution
Hunde – waren das auf George Orwells «Animal Farm» nicht die bissigen Handlanger, mit denen die Schweine ihre neue Diktatur festigen? In Sapir Hellers Neufassung am Münchner Volkstheater trottet dagegen zu Beginn eine behäbige Hündin ostentativ harmlos nach vorn an die Rampe und erzählt lefzensynchron mit der Stimme von Philipp Lind aus dem Off, wie das damals war, als der junge Orwell bei einem Spaziergang über die Felder beobachtete, wie ein riesiges Arbeitspferd sich von einem kleinen Jungen lenken ließ, und daraufhin seine bittere Fabel über die russische Revolution und den St
alinismus erfand: Von den Haustieren, die den brutalen Bauern verjagen, bloß um sich wenig später unter der Herrschaft eines ebenso bösartigen Schweine-Diktators wiederzufinden – alle Tiere sind gleich, aber manche sind eben gleicher!
Auf der Riesenbühne des neuen Volkstheaters kann sich ein einzelner Hund schon etwas verloren vorkommen. Nur gut, dass sein Herrchen oder Trainer gleich vorn in der ersten Reihe sitzt und ab und an zur Beruhigung ein Leckerli nach oben wirft. Denn – das kann man aus Hellers Inszenierung mitnehmen – Autonomie und Selbstverantwortung liegen nicht in der Natur eines oder einer ...
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Theater heute April 2022
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Silvia Stammen
Liebe Freunde, liebe Kollegen,
es herrscht Krieg in meinem Land und ich will einige Worte dazu sagen. Es sind seelische Beobachtungen einer russischsprachigen Deutsch-Ukrainerin, die in diesen Tagen nicht nur das Scheitern der Diplomatie erlebt, sondern womöglich auch der Kunst.
In der letzen Woche haben mich viele, viele Menschen gefragt, wie es mir und meinen...
«Imagine», flackert es über die Hinterwand der leeren schwarzen Bühne im Container des Gorki Theaters. Stell dir vor, was kaum vorstellbar ist für uns, gut verwurzelt im sicheren Zuschauerraum, stell dir Krieg vor, Flucht, Fremdheit, Wurzellosigkeit. Das sind die Themen, die Rasha Abbas, 1984 in Damaskus geboren und seit 2014 in Deutschland lebend, in ihren 21...
Der Vorlauf zu dieser Arbeit reicht bis in den Corona-Pandemiebeginn zurück, als Philipp Preuss im April 2020 mit seinem Zoom-Theaterprojekt «k. (nach Kafka)» einen ersten Aufschlag zu Kafkas Romanfragment «Das Schloss» gab. Ein Stück gestreamte Erzählkunst flackerte dort in den Bildschirmkacheln, mit schemenhaften Gesichtern und viel Schneelandschaft. Es war eine...
