Ausbruch aus der Kunst

Die 73. Berlinale dockte an vielen Stellen ans Theater und seine Diskurse an – mit Schauspieler:innen, Repräsentationsfragen und kanonischen Stoffen

Theater heute - Logo

In «She Came to Me», dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, überwindet ein Komponist seine Schaffenskrise, indem er einer Schlepperkapitänin zum One-Night-Stand in ihre Kajüte folgt. Normalerweise wäre das nicht der Rede wert – jedenfalls nicht an dieser Stelle, an der es darum geht, das Festivalgeschehen durch die Theaterbrille zu betrachten und auf entsprechende Akteurinnen und Akteure, Stoffe oder Ästhetiken abzuklopfen.

Der hollywoodstarreiche Berlinale-Beitrag der Regisseurin Rebecca Miller – ihrerseits Tochter des Autors, Dramatikers und Pulitzerpreisgewinners Arthur – weiß plotmäßig allerdings mit einer handfesten Überraschung aufzuwarten: Die Story bekommt tatsächlich einen handlungstragenden Theater-Drift, denn erstaunlicherweise triggert der One-Night-Stand die bombastischste Bühnenperformance, die man seit langem überhaupt sah im Segment der darstellenden Künste.

Infolge von Verwicklungen, deren plottwistreiche Dramaturgie im Einzelnen zu entknoten hier zu weit führen würde, rettet der Komponist nämlich dank One-Night-Stand und Schlepperkapitänin die bedrohte junge Liebe seines Stiefsohnes of Colour zur Tochter der Putzfrau vor deren Zerstörung durch den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 4 2023
Rubrik: Berlinale, Seite 36
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Im Wohlfühlzauber

Warum nicht einmal etwas leicht machen? Wo ohnehin alles schon schwer genug ist. Ausgerechnet die Münchner Kammerspiele, die sich sonst gern aller kursierender Probleme annehmen, verheißen das, indem sie das Urdrama eines unauflöslichen Konflikts in sogenannte «Leichte Sprache» übertragen lassen, von einer Übersetzerin, die, welch ein Omen, auch noch den schönen...

Keine Bühne für Täter

Er ist quasi der Täter der Herzen in der an Femiziden nicht armen Dramengeschichte: Georg Büchners Woyzeck. Wir lernen ihn als Opfer der (Klassen-)Gesellschaft kennen und, wenn auch widerwillig, verstehen. Er ist und bleibt in den meisten Inszenierungen die Identifikationsfigur. Seine Verlobte Marie, die er ermordet, bekommt gerade mal etwas Mitleid. Woyzeck – und...

Zart und hart

Istanbul in den 1990ern. Ein Mann steht in seiner neuen Wohnung und stellt sich vor, wie sehr sich seine Frau und die vier Kinder freuen werden, wenn sie sie zum ersten Mal zu sehen bekommen. Er hat jahrzehntelang als Arbeitsmigrant in Deutschland geschuftet, um sich die Eigentumswohnung leisten zu können. Doch bevor er sie vorzeigen kann, stirbt er an einem...