Arbeit am Mythos
Nicht jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Diesem schon. Eine Frau besteigt einen Fahrstuhl und entgleitet aus unserem Sichtfeld nach oben, ins Ungewisse, Ungefähre, vielleicht Unbewusste, das alles zuvor Gewusste gleichsam hegelianisch «aufhebt», sprich: zugleich auslöscht und bewahrt. Zuvor hat sie ein umfassendes Fazit gezogen und sich dabei ihrer mémoire volontaire bedient.
Noch einmal überdenkt und erträumt Brünnhilde, während sie den wild wuchernden Tonartengarten durchstreift (von fis-Moll über Es-Dur, C-Dur und As-Dur bis zum strahlenden A-Dur beim letzten Wort «Weib!») und nebenher Hagens martialisch gekleidete Mannen umstößt wie lästige Schachfiguren, ihr Leben. Und dann stellt Wotans Tochter in ihrem Schlussgesang diese eine wesentliche Frage, die niemand beantworten kann: «Wisst ihr, wie das ward?»
Zumindest das kann man nach der «Götterdämmerung» am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken sagen: Intellektuell herausfordernd war sie, die Arbeit des Regieduos Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Eine verrückt-verspielte, wissenschaftlich-philosophische Denkübung, die zwar die Frage ausklammert, ob Gott oder doch Nietzsche tot ist, aber absichtsvoll jenes «Kunstwerk ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Eine kühne Verdrehung, und das in Zeiten des verbal triumphierenden Feminismus: Aus «Giulietta e Romeo» wird im oberfränkischen Hof «Romeo und Julia». So heißt bekanntlich Shakespeares Drama, aber die von Riccardo Zandonai verwendeten Quellen setzen die Frau nach vorn. Unter diesem Titel wurde das Werk gedruckt, als «Giulietta e Romeo» gelangte es 1922 in Rom zur...
Im Rahmen eines von Philippe Quesne kuratierten Theaterfestivals in Toulouse habe ich eine Laterna-magica-Vorführung zum Thema «Phantasmagorie» erlebt – in Zeiten von 3D, IMAX, VR und anderen Errungenschaften des technologischen Fortschritts hat mich das Analoge an diesem Vorreiter des Kinos total fasziniert. Als Erfindung des 17. Jahrhunderts wurde die Laterna...
Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A....
