Gefährliche Liebschaften

Hindemiths «Cardillac» in einer brillanten Aufnahme aus Wien

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Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A.

Hoffmanns Erzählung «Das Fräulein von Scuderi» gedreht und der (am Text stark mitwirkende) Komponist eine Klangsprache gewählt haben, die spätromantische Idiomatik nurmehr flüchtig streift, so lässt sich doch eines nicht verbergen: Heftige Leidenschaften führen hier das Kommando. Und zwar dauerhaft.

Der vorliegende Live-Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper verdeutlicht dies in wohltuender Weise. Keinen Zweifel lässt Cornelius Meister am Pult des Hausorchesters, dass er Hindemiths Dreiakter für ein nachgerade fulminantes Vermächtnis des Expressionismus hält, welches seine älteren Schwestern in den Strauss-Opern «Salome» und «Elektra» zu finden trachtet; schon das klanglich stählerne Vorspiel zum ersten Akt atmet den Geist dieser Bühnenwerke. Der Dirigent, selbst im tumultuösen Krawall der Chor -szenen ein absoluter Souverän mit ...

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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Medien, Seite 38
von Jürgen Otten

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