Anfänge sind schwer ... aber gerade ganz besonders
Anfangen ist so schwierig. Das erste Mal auf die Bühne zu gehen, sich in einen meist provisorisch hergerichteten Raum zu stellen, das Regieteam, das einen erwartungsvoll anlächelt, zu spüren, und gleichzeitig dem Text, der eigenen Figur, der Situation, all den Menschen um einen herum zu begegnen, um dann etwas zu machen, was man «eine Szene spielen» nennt.
Wie soll das gehen? Ich glaube, gar nicht. Ich habe eine tiefe Überzeugung in mir, dass ich mich beim Anfangen ohnehin in einem losing game befinde. Es ist ein losing game, das seltsamerweise auch eine Lust in mir auslöst.
Eine Art größenwahnsinnige Lust zu probieren; auszuprobieren, wie sich das Fallen denn anfühlt und wie man es doch genießen kann. Der Größenwahnsinn des Anfangs ist davon überzeugt, dass jetzt etwas beginnt, das es noch nie gab und eine ungemeine Wichtigkeit hat.
Aber auch Größenwahnsinn und Lust, Hand in Hand, als gefeiertes Dream -team der Kunst, bemerken irgendwann, dass alles andere in mir schreit, dass ich keine Ahnung habe, von nichts, dass ich noch nicht genug weiß, was ich will, nicht weiß, wer ich hier bin, dass ich angewiesen bin auf Hilfe. Von allen möglichen Leuten. Auch auf die Soufflage. Also auf einen anderen Menschen, der mich beobachtet und mitkriegt, dass ich feststecke, festklebe im Nichtwissen und weder vornoch zurückkomme mit mir. Der von jemand anderem aufgeschriebene Text, den ich mir einzuprägen versucht hatte, ist nämlich mehr in meinem Kopf, ich verfüge nicht über ihn, ich schwimme, ich versuche ihn zu greifen, ihn zu erreichen, über ihn nachzudenken, ich versuche mich zu erinnern. An eine Vergangenheit, an eine Zeit, in der ich ihn gekonnt, in der er etwas in mir ausgelöst hatte – und schon habe ich die Gegenwart gänzlich verlassen. Falle aus der einzigen Zeit, die auf der Bühne gilt. Da können auch Größenwahnsinn und Lust nichts ausrichten. Die Soufflage sieht mich in meiner Abwesenheit und hilft mir. Sie souffliert, das heißt, sie hilft mir, den verlorenen Gedanken wieder zu vervollständigen, indem sie mir mit wenigen Worten eine Verbindung zwischen dem Text der Vergangenheit und der Gegenwart meiner Präsenz baut.
Gerade am Anfang eines Prozesses sind wir Schauspielende sehr darauf angewiesen, dass uns souffliert wird. Dass erkannt wird, wenn wir nicht anwesend sind, und Worte geflüstert werden, die uns in die Gegenwart bringen. Ich brauche diese Hilfe, jedes Mal wieder, wenn ich anfange. Damit ich überhaupt anfangen kann.
Als ich zum allerersten Mal anfangen wollte, zum ersten Mal professionell in der Branche arbeiten wollte, brauchte es besonders viel Soufflage und Hilfe für mich. Es brauchte eine Kooperation zwischen meiner Schauspielschule in Hamburg und dem Hamburger Schauspielhaus, es brauchte einen Regisseur, der mich sah, eine Dramaturgin vom Haus, die mich weiterempfahl, einen Gastdozenten, der Druck bei der Intendanz machte, und einen weiteren Gastdozenten, der mir ein Vorsprechen an einem anderen Haus vermittelte.
Diese Spielzeit scheint es für Absolvierende von Schauspielschulen außergewöhnlich wenige Möglichkeiten zu geben, um in den Beruf zu finden. Es gibt dazu noch keine verlässlichen Zahlen von der ZAV, ich beschreibe meinen eigenen Eindruck als Gastdozentin, der in mehreren Gesprächen mit Schauspielprofessor:innen unterschiedlicher Hochschulen bestätigt wurde. Laut Titus Georgi, Vorstand der Ständigen Konferenz Schauspielausbildung, gelingt der Jobeinstieg dieses Jahr so schlecht wie vielleicht noch nie. Das mag nun natürlich ein Ausreißer sein, aber «dieses Jahr kommen die Sparmaßnahmen an», denkt er. Im Vergleich zu anderen Kunstdisziplinen bilden die deutschsprachigen Schauspielschulen bereits sehr engmaschig an den Markt aus. Staatliche Hochschulen haben meist sehr kleine Jahrgänge. Trotzdem scheint es dieses Jahr bemerkenswert schwer zu sein, anfangen zu dürfen.
An Anfänger:innen zu sparen heißt, an der Zukunft zu sparen. Man kürzt eine neue Generation an Akteur:innen, die das System durch ihre Energie und Belastbarkeit stützen, und es durch ihre eigene künstlerische und gesellschaftliche Perspektive wesentlich voranbringen und transformieren können. Außerdem sprechen sie wiederum eine neue Generation an Publikum an, auf die das Theater langfristig angewiesen ist.
Den eigenen Nachwuchs nicht hängen zu lassen, sollte ein dringliches Selbstverständnis sein. Auch wenn ökonomische Zwänge unabweisbar sind und Engpässe im System produzieren: Lasst uns im Erfinden bleiben und weiter Verflechtungen der Stadttheaterstruktur mit seinem Ausbildungssystem suchen. Wenn Geld für feste Anfängervakanzen fehlen, gibt es vielleicht die Möglichkeit, im Rahmen unterschiedlicher Kooperationen – ob für Jahrgangsinszenierungen, Gastengagements, Studiomodelle oder Nachwuchsfestivals – im Miteinander zu bleiben und strukturelle Durchlässigkeit zu gewähren.
Denn Anfänge sind schwer. Und wir sind alle darauf angewiesen, gesehen zu werden und souffliert zu bekommen, um in unsere Gegenwärtigkeit zu finden.
JULIA RIEDLER ist Schauspielerin und Regisseurin. Zuletzt wurde sie für «Fräulein Else» zur Schauspielerin des Jahres gewählt und hat am Theater Freiburg «Hamlet» inszeniert.
Theater heute Mai 2026
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Julia Riedler
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