Am Ende offline
«Werther», das ist ja nur in zweiter Linie der Roman einer großen Liebesverirrung bis zum Selbstmord. Klassisch wurde Goethes Blockbuster vor allem als Dokument einer Medienrevolution. Wer von «Werther» spricht, spricht immer auch vom «Werther»-Fieber, von der empfindsamen Buchkultur, an der sich das Gemüt des Helden und seines Publikums entflammte. «Werther» ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Alphabetisierung aller Stände und als solcher die Vorlage für zahlreiche ähnlich gelagerte metapoetische Unternehmungen.
Es war insofern nur eine Frage der Zeit, bis sich der im Theater sattsam adaptierte Briefroman auch in die Digitalmoderne einhängt. «werther.live» ist das Netztheaterprojekt einer Gruppe von jungen Theaterschaffenden um die Regisseurin Cosmea Spelleken (Jahrgang 1994), die erste Arbeitspraxis als Assistentin beim Film sammelte und nun mit Förderung der Kulturämter von Freiburg und Karlsruhe zur Übersetzung des «Werther» in die aktuelle soziale Medienwirklichkeit schreitet. Und wie! Wir blicken auf den iBook-Bildschirm des leidenden jungen Werthers alias Wer Ther, auf dem WhatsApp, Facebook und Instagram stets parallel geöffnet sind. Rasant wechselt er zwischen den ...
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Theater heute Februar 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 49
von Christian Rakow
Wer sich in seinem Weltbild eingerichtet hat – und wer hätte das in gewisser Weise nicht –, sucht nicht unbedingt oft Gelegenheit, mit Verfechtern anderer Entwürfe darüber zu diskutieren. Dabei bleibt argumentatives Sparring mit Andersgesinnten – es muss gar nicht bis zur Extremdisziplin «mit Rechten reden» gehen – wichtig, um den eigenen Blick zu schärfen,...
Wer Jutta Lampes Mascha in Tschechows «Drei Schwestern» 1984 an der Berliner Schaubühne gesehen hat, wird den Abschied von ihrem nicht mehr heimlichen Geliebten, dem Oberstleutnant Werschinin, kaum vergessen: Wie sie sich, alle Façon von Form und Inszenierung über Bord werfend, Otto Sander an den Hals klammerte, schrie, von den zwei Schwestern mehrfach mit aller...
Wenn einer in die Eckkneipe wankt und lauthals «Ich bin nicht Hamlet!» nölt, dann wird es sich der Wirt zweimal überlegen, ob er ihm noch einen Schnaps gibt oder nicht. In der «Wartburg» in Jena aber schiebt Rolfe hinter der Theke gleich das Bier hin, und die Stammgäste warten nur darauf, dass der Monolog nun anhebt. Ob der von Heiner Müller ist oder sonstwem,...
