Alltag der Emporkömmlinge

Arthur Schnitzler «Professor Bernhardi»

Theater heute - Logo

Alles Walzer!» Am Ende des zweiten Aktes fassen sich in Stefan Ottenis Nürnberger Inszenierung von Arthur Schnitzlers Gesellschaftskomödie «Professor Bernhardi» die Herren (mangels Damen) um die Hüften und drehen sich linkisch-gespenstisch im Dreivierteltakt. Da ist die Donau schon lange grau und der Himmel über Wien hängt voll düsterer Gewitterwolken.

Die liberale Stimmung ist vergiftet, und der groteske Reigen der Medizinal-Honoratioren wirkt wie der Tanz am Rand des Nervenzusammenbruchs eines Zeitalters: «Alles Lüge!»

Aber den fünften Akt lässt Otteni dann scheinbar ganz entspannt auf dem Tennisplatz spielen: Hier finden sich die Herren wieder zusammen, die Elite des Jahrhundertwechsels bespricht, verhandelt und regelt die schmutzigen Ereignisse, die gerade noch an den moralischen und politischen Grundfesten gerüttelt hatten, en passant mit und zwischen zwei Sätzen – und bereitet doch schon den Aufschlag zu einer wirklich mörderischen Revanche vor. Diese (Männer-)Gesellschaft aber kann zunächst und so schnell nichts erschüttern, und das bisschen Antisemitismus, das man nun mal drin hat im mehr oder weniger blauen Blut, klingt mit einem Schlag Wiener Schmäh gleich ganz anders. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2007
Rubrik: Chronik, Seite 41
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Produktwelten aus Eis und Stil

Das Beste, was Jan Pappelbaums Bühnen passieren kann, ist, dass sie jemand in die Luft jagt wie das Hotelzimmer in Sarah Kanes «Zerbombt». Erst in der Komplett-Zerstörung ist die detailgetreu nachgebaute Vier-Sterne-Tristesse samt ihrer Insassen in Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung ganz bei sich selbst angekommen. In den Wänden des Hotelzimmers klafft...

Es muss auch solche geben

Sechs Jahre ist es her, dass im Dezember 2000 der damals noch weitgehend unbekannte Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater den denkwürdigen Anfang einer kleinen «Liliom»-Renaissance des 21. Jahrhunderts machte: Auf minutenlange Bewegungslosigkeit des hemdsärmeligen Protagonisten, die schließlich in einem seltsamen Schütteln der Arme, unwillkürlicher...

Von der Würde des Durchwurschtelns

Der eine ist der berühmteste Geldfälscher der Zwischenkriegszeit. Weil der Maler Salomon Sorowitsch von seiner Kunst nicht leben kann, verdient er sein Geld mit falschem Geld. Ein kriminelles Talent, das er notfalls auch in den Dienst der Nazis stellt, obwohl sie ihn, den Juden aus Odessa, ins KZ gesteckt haben. Der andere, Adolf Burger, würde hingegen jedes Opfer...