Alles Komödie
Der achtzigjährige Besson war immer noch jung: der wilde Lockenkopf grauweiß, unter den emporgesträubten, dicken Augenbrauen funkelten die Augen, die Nase kräftig, die dicke Unterlippe hängend. Nur die Falten von den Nasenflügeln abwärts noch tiefer eingekerbt als früher. Ein clownischer Charakterkopf. Die über viele Register gebietende Stimme immer noch mit schwyzerisch-französischem Akzent, lustig und listig eingesetzt im Kampf mit der deutschen Grammatik.
Die Krankheit, der Krebs, hat ihn eingeholt bei der Arbeit an der Comédie Française, am sophokleischen «Ödipus», den er fast vierzig Jahre früher, 1967 am Deutschen Theater, als «Ödipus Tyrann» in der von Heiner Müller bearbeiteten HölderlinÜbertragung zum ersten Mal inszeniert hatte – auf einer gestuften Bretterbühne von Horst Sagert, der den Spielern kostbar und afrikanisch wirkende lederne Maskenköpfe aufgesetzt hatte. Ödipus, von Fred Düren gespielt als ein Dekadent, der geziert seinen verkrüppelten, den «Schwellfuß», vorzeigte, die bei der Aussetzung als Säugling erlittene Deformation als auszeichnende
Besonderheit, als Herrschaftsmittel. So schaffte Besson auch die metaphysisch verhängte Tragik, das schuldlos Schuldige ...
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