Der Fall Stadelmaier

Eine Dokumentation ausgewählter Pressestimmen, Interviews und Kommentare zur Frankfurter Premiere von Ionescos «Das große Massakerspiel»

Theater heute - Logo

Der Kritiker über sich

Ich hatte mich auf die Premiere gefreut. Und hätte gerne über sie geschrieben. Doch das geht jetzt nicht. Statt dessen ist von einem Skandal zu berichten. Ich wurde von einem Schauspieler körperlich genötigt, nach ungefähr zwanzig Minuten das Theater zu verlassen. Dabei rief er mir die schönen deutschen Sätze «Hau ab, du Arsch! Verpiß dich! Beifall für den Kritiker!» höhnisch nach. Es kam dann tatsächlich tröpfelnder Beifall im Publikum auf.

Wiewohl meine Kritikerkollegen sitzen blieben und nicht mit mir den Saal verließen, in dem man soeben auf eklatante Weise einem Kritiker die Freiheit genommen hatte, seinem Beruf nachzugehen. (...)

Man spielt in der Frankfurter Schmidtstraße aber nicht Ionescos «Großes Massakerspiel», sondern offenbar ein Anti-Stück mit dem ungefähren Arbeitstitel «Entgrenzung» oder auch «Aufhebung des Theaters» (Ionescos Erben und Rechte-Inhaber sollten sich das ruhig mal anschauen). Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die «Ein Bier!» verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2006
Rubrik: Der Fall Stadelmaier, Seite 4
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der schärfste Macker im Viertel

Andreas Dresen hat sich früher einmal, in seinem höchst erfolgreichen Experimentalfilmer-Alltag, noch mit einer «halben Treppe» irgendwo in Ex-Ost-Deutschland an der Oder zufrieden gegeben. Jetzt macht er gerade Oper in Basel am Rhein, und da wird er unweigerlich zum monumentalistischen Gesamtkunstwerker. Klar hat ihn die halbe Treppe damals wie kein weiterer Film...

Politik auf dem Theater

Drei Holzscheiben links, drei Sportbogenschützen rechts, dazwischen die ganze Bühnenweite. Schon sausen drei sehr professionell abgeschossene Pfeile im Gleichflug in die Holzscheiben und schlagen mit satt verstärktem Plopp ein. Dann das Ganze noch mal. Und noch mal. Zwischen den Waffengängen lassen die Herren Schützen ihre Geräte um den Daumen schlenkern: Nicht...

Der schwarze Schatten

Eine Renaissance seines Theaters wird es nie mehr geben. Man kann sich nur noch mit Hilfsmitteln daran erinnern, was Tadeusz Kantor auf der und für die Bühne bedeutet hat: Video-Mitschnitte der Aufführungen, endlose Reihen von (Schwarz-Weiß-)Fotos, Manifeste, Partituren, Skulpturen, Kostüme, Bühnenbilder, Grafiken und Emballagen – Relikte, allein in «seiner» Stadt...