Alles hat seine Zeit

Das Berliner Theatertreffen 2022 startet nach drei Jahren wieder in Präsenz. Ein Rundgang durch Liebesdinge und Geschlechterfragen, identitätspolitische Abgründe, Wellness-Oasen, neoliberale Exzesse, ungleiche Lebenschancen, leere Routinen und eine Verbeugung vor der Vergänglichkeit Von Franz Wille

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nach Dante Alighieri, Das neue Leben

Regie Christopher Rüping, Schauspiel Bochum 

Wie geht das mit der Liebe?, fragt Dante Alighieri die ewigfrische Frage in «Das neue Leben». Seine Antwort fällt äußerst doppelbödig aus, denn einerseits geht da gar nichts, und andererseits entsteht große Kunst, nämlich eben jenes «Das neue Leben».

Freud hätte das Verfahren Sublimation genannt, so weit war man 1294 noch nicht: Dante hat sich die Liebe zu seiner von Ferne verehrten Beatrice lebenslang versagt und sogar aus der Person der Angebeteten seit früher Jugend ein undurchdringliches Geheimnis gemacht. Die fehlende Praxis floss in große Literatur: eine Mischung aus Tagebuch, Liebeslyrik und Selbstfiktionalisierung. Christopher Rüping und seine Schauspieler:innen spüren der emotionalen Erfül -lungsverweigung nach und umkreisen sich nicht weniger hochsensibelentsagungsvoll. Wer schafft schon eine offene Liebeserklärung ohne Peinlichkeit und Umschweife, zum Beispiel den Umweg über Liebespopsongs von Meat Loaf bis Britney Spears? Nicht einmal eine Pestepidemie kann das artifizielle Verweigerungsprogramm durchbrechen. Am Ende ist es an Viviane de Muynck als ergraut-gealterte Beatrice, den jungen ...

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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Berliner Theatertreffen, Seite 26
von

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