Agenten im Harem
Was ist das für ein System, in dem ein 50-jähriger Lichttechniker mit ‹Best Boy› angesprochen wird?», fragte einmal der Filmemacher David Mamet Hollywoods Filmindustrie. Was ist das für ein System, könnte man entsprechend die Städtischen Bühnen fragen, in dem eine 24-jährige Schauspielerin, die nach Abschluss ihres Studiums ihr erstes Engagement antritt, sich «Küken» nennen lassen muss? Das Ensembletheater hat in der freien Szene bekanntlich keinen guten Ruf.
Von uns, die wir bekennend dogmatisch in der Gruppe die wahrhaft zeitgenössische Organisationsstruktur fürs Theatermachen sehen, wird die Konstruktion des Ensembles bestenfalls als eine unhandliche Retorte angesehen, schlimmstenfalls als ein künstlerischer Harem, in dem früher Militärs ihre Mätressen rekrutierten, während dort heute die städtische Wirtschaft ihre kulturelle Ader zeigt und bei Prosecco und Petits Fours auf Tuchfühlung geht. In den Plüschfoyers überwiegt die schwärmerische Überhöhung dieser Struktur, die zumindest in Westdeutschland traditionell noch immer als Garantin kommunaler Identität angesehen wird. «Unser wunderbares Ensemble» zu loben ist beinahe schon Bürgerpflicht, und wenn diese Harmonie zwischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Ensemble-Konsens, Seite 68
von Veit Sprenger
Als mich zwei Düsseldorfer Kollegen erstmals auf Stefanie Reinsperger ansprachen, fielen die Worte «sehr emotional» – begleitet von einem bedeutungschwangeren Augenaufschlag und einem wissenden Nicken. Das kann vieles bedeuten. Oder nichts. Ob es Ausdruck von Respekt, eine Warnung oder unscharfe Diagnose war, ist, rückwirkend betrachtet, eigentlich unwichtig. Es...
Wer mit Ungeheuern kämpft», schrieb Nietzsche, «mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.» Von den Monstern unseres Energiezeitalters und der Liebe zwischen einer Biene und einem Wal erzählt Roland Schimmelpfennig in seinem 2013 in Tokyo uraufgeführtem Stück.
Ein kleines Hotel am Hafen. Jede Woche treffen sich hier drei Paare und mieten sich für ein...
... zieht sich Wolfram Lotz’ Kolonialismus-Groteske «Die lächerliche Finsternis» durch die diesjährige Kritikerumfrage. Nicht nur waren sich mehr Kritiker als jemals zuvor, nämlich 27, einig, dass dies das deutschsprachige Stück des Jahres ist (zweitplatziert folgt mit 4 Stimmen Ewald Palmetshofers «die unverheirate»), 8 Kollegen machten auch Dusan David Parizeks...
