Sag zum Abschied böse Servus

Ulrich Khuons Thalia-Garde verabschiedet sich streng von Hamburg, damit der Trennungsschmerz fiebrig pocht. Michael Thalheimer lädt zu Schnitzlers «Reigen», Andreas Kriegenburg sucht den Single im «Menschenfeind», und Stephan Kimmig experimentiert mit Konsum-Viren: Dennis Kellys «Liebe und Geld»

Theater heute - Logo

Nicht auszudenken, wenn sich jede und jeder noch eine Zigarette danach gegönnt hätte. Schnitzlers «Reigen», die Koitus-Parade aus dem Wien Sigmund Freuds, würde ganze zehn Zigaretten länger dauern, was bei pausen­losen 90 Minuten einiges ausmacht. Regisseur Michael Thalheimer, der Stücke gerne konzentriert, hat die zehn Abschiedszigaretten geschickt als Vorspiel zusammengelegt.

Eine Reihe glühender Glimmstengel im Dunkel der Bühne räuchern diesen «Reigen» an, der auch sonst eher die Gleich­förmigkeiten pflegt: zehn monotone Quickies aus notgeilem Samendruck davor, schnöden Männern und mehr oder weniger liebeszehrenden Frauen danach. Weil Schnitzlers Dunkelpausen wegfallen und im grellen Bühnenlicht auch jede Vorstellungs­kraft gestrichen ist, sieht man, wie sich der Regisseur diesen Sex denkt: als hormonbedingte Zumutung und lustfreies Gerammel im Akkordtempo, Karnickel kurz vorm Kollaps. Vor allem um die hektischen Begatter muss man sich ernsthaft Sorgen machen. Ihr verzweifeltes Schreigestöhn in schlapper Missionarsstellung gefährdet Herz und Kreislauf. Unter moralischen Gesichtspunkten ist die Darbietung dennoch allzeit einwandfrei: Sie lädt auch im hellsten Licht nicht im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Erzählen, wie es wirklich war

O Gott, wenn die mich jetzt erschießen …» Es war Todesangst, die Heidelore Rutz packte, als man sie am 30. Juli 1975 nach einer Demonstration von Ausreisewilligen in Jena verhaftete und in den Keller einer Stasi-Station warf. Was folgte, waren die Qualen der Verhöre, der Angst, Ungewissheit, Gewalt; dann ein Prozess und jahrelanger Knast mit Schwerstarbeit im...

Akt der Verzweiflung

Die Comédie-Française ist das Theater Molières und noch immer eine von Frankreichs wichtigsten Bühnen: das «Théâtre français» oder kurz «le Français». Die Comédie-Française kämpft aber auch nach wie vor gegen einen verstaubten Ruf. Deklamationstheater, Beamtenschauspieler, Schnarchkunst – Muriel Mayette, seit zwei Jahren Intendantin, tut viel dagegen, sei es mit...

Im Neurosenparadies

Die Welt ihrer Eltern wollen die Kinder naturgemäß nicht. So geht es auch der fast volljährigen Judith und ihrem Bruder, dem Langzeitstudenten David. Ihre Eltern, eine Lehrerin und ein Redakteur, sind liberal, gebildet und verständnisvoll. Wenn es mal hart auf hart kommt, macht man halt ein Coaching oder geht in Therapie. Kein Wunder, dass sich beide Kinder bei so...