Zwischen den Welten
Fahle Quart- und Quintklänge, fahles Licht. Man ist mit Blick auf die Figuren, die hier die Bühne bevölkern, versucht, an Goethes «Faust» zu denken: «Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.» Wir befinden uns im Jenseits, das signalisiert das lange Orchesterchorspiel. Und das vergegenwärtigen die Chorklänge, die nicht von der Bühne in den Raum des Strasbourger Opernhauses ziehen, sondern von der Rückseite, aus den Foyers des Rangtheaters durch die eigens geöffneten Türen ziehen.
«Le temps n’est plus, l’espace n’est plus»: Keine Zeit mehr, kein Ort mehr. Alle huldigen der wich -tigsten Größe, die es an diesem Unort zu geben scheint: la vérité – der Wahrheit.
Als Albéric Magnards Oper «Guercœur» – nach der späten Uraufführung 1931 – am Theater Osnabrück 2019 dem Dornröschenschlaf entrissen wurde, avancierte die Tragédie lyrique, wie sie der Komponist ganz bewusst genannt hatte, gleich zur «Wiederentdeckung des Jahres». Und das zu Recht. Denn auch die jüngste Produktion dieses nunmehr erst zum dritten Mal inszenierten Bühnenwerks zeigt, welches enorme musikalische Potenzial in ihm steckt. Aber auch, warum es eben nie populär wurde. ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Alexander Dick
Zwei Begriffe vor allem stehen, gleichsam interaktiv, für den Musikbetrieb: Repertoire und Publikum. Denn was sich durchgesetzt hat, wird auch geliebt, und was beliebt ist, zum Programm. Beiden Tendenzen liegt das Missverständnis zugrunde, das «zeitlos Gültige» setze sich ohnehin durch. Die Wirklichkeit freilich sieht anders aus. Noch vor 100 Jahren galt Schubert...
Kein Bühnenwerk Richard Wagners konfrontiert ein Produktionsteam am Theater wohl mit derart vielen konzeptionellen Vorabüberlegungen wie die romantische Oper «Tannhäuser». Und das hat viel damit zu tun, dass der Komponist selbst es war, der dieses Stück als etwas Unvollendetes betrachtete. Er sei der Welt «noch einen Tannhäuser schuldig», beteuerte er gegenüber...
Schreckliches ist geschehen, möglicherweise. Was aber wirklich gewesen ist im vornehmen Landsitz Bly, wohin die Governess zur Erziehung der zwei halbwüchsigen Geschwister Miles und Flora kommt und worin sie unbedingt ihr Bestes geben will – das erfahren wir nicht. Nicht in Henry James’ viktorianischer Spuk -novelle aus dem Jahr 1898, noch weniger in Brittens...
