Klangkunst am Rand der Welten
Zwei Begriffe vor allem stehen, gleichsam interaktiv, für den Musikbetrieb: Repertoire und Publikum. Denn was sich durchgesetzt hat, wird auch geliebt, und was beliebt ist, zum Programm. Beiden Tendenzen liegt das Missverständnis zugrunde, das «zeitlos Gültige» setze sich ohnehin durch. Die Wirklichkeit freilich sieht anders aus. Noch vor 100 Jahren galt Schubert als «Meister der kleinen Form» und keineswegs jener «himmlischen Länge», die Schumann an der C-Dur-Symphonie pries.
Selbst das Verhältnis der «beiden Riesen» Bach und Händel hat sich verkehrt: Sind Bachs Kantaten und Orgelwerke eher rar geworden, so haben Händels Opern, einst als «Konzerte in Kostümen» belächelt, auf dem Umweg auch über die inszenierten Oratorien enorm an Attraktivität gewonnen. Zeitgeist wie ökonomisch-organisatorische Zwänge haben die Rezeption der Komponisten gebremst. Das gilt für Mozart wie für die Moderne. Selbst ein so eminenter Innovator im «Komponieren mit nichtklingenden Materialien» wie Mauricio Kagel taucht sogar im multimedialen Kontext immer seltener auf.
Hegels «Furie des Verschwindens» hat sich auch eines einst überaus populären Komponisten bemächtigt: Franz Liszt, Klavier-Superstar, von ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Gerhard R. Koch
Eine gute Stunde Glück? Kein Problem. Man greife zu diesem Album, schiebe es in den CD-Player und lausche selige 66 Minuten, dann besteht kein Zweifel mehr: Das Glück ist nicht immer anderswo und ganz einfach zu erheischen. Jedenfalls dann, wenn eine Sängerin vom Format Sabine Devieilhes, die sich mit ihren gleichermaßen stilistisch distinguierten und dramatisch...
Im Anfang war das Wort. Nicht jedoch das geschriebene. Im Anfang war der Klang, das gesprochene, gesungene Wort, die menschliche Stimme, aus der heraus ein ganzer Kosmos an Mitteilungsformen erwachsen kann – im günstigsten Fall. Die Stimme als Faszinosum, als Mittel, um höchste kulturelle Leistungen zu erbringen (man denke nur an die Opern dieser Welt), aber auch...
Kein Bühnenwerk Richard Wagners konfrontiert ein Produktionsteam am Theater wohl mit derart vielen konzeptionellen Vorabüberlegungen wie die romantische Oper «Tannhäuser». Und das hat viel damit zu tun, dass der Komponist selbst es war, der dieses Stück als etwas Unvollendetes betrachtete. Er sei der Welt «noch einen Tannhäuser schuldig», beteuerte er gegenüber...
