Geisterstunde
Schreckliches ist geschehen, möglicherweise. Was aber wirklich gewesen ist im vornehmen Landsitz Bly, wohin die Governess zur Erziehung der zwei halbwüchsigen Geschwister Miles und Flora kommt und worin sie unbedingt ihr Bestes geben will – das erfahren wir nicht. Nicht in Henry James’ viktorianischer Spuk -novelle aus dem Jahr 1898, noch weniger in Brittens Kammeroper von 1954.
Sichtbar ist das Drumherum einer zentralen Leerstelle, nicht unähnlich jener in «Peter Grimes»: Was genau hat der exzentrische Fischer Grimes mit seinen Lehrjungen gemacht; was, im Hause Bly, der gewesene Diener Peter Quint mit den Kindern Miles und Flora, wie ist er selbst zu Tode gekommen, wie auch seine Geliebte, die ehemalige Gouvernante? Auf der Szene erscheinen die Geister von Quint und Miss Jessel, wir sehen den Schrecken der alten Haushälterin und der jungen Gouvernante, doch was da war, wird nicht gesagt, so wie der Sinn des verführerisch traurigen Lieds ein Rätsel bleibt, das der Knabe Miles singt und auch die Governess am Ende singen wird, wenn sie den toten Jungenkörper im Arm hält. Es wird nicht gesagt, und doch ist es eben unmöglich, an dem Gedanken des Missbrauchs vorbeizudenken. Er ist da, ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
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